von Robert Defcon
März 20th, 2013

Inkasso abwählen

Digitale Kultur funktioniert per Mausclick und E-Payment. Inkassounternehmen wie GEMA und GEZ werden dafür nicht mehr gebraucht. Darüber diskutierten Piraten, Chaos Computer Club, GEMA und Urheber auf der Leipziger Buchmesse. Initiiert hat die Podiumsdiskussion Rechtsanwalt Stefan Haupt: Er ist genervt, dass das Urheberrecht immer undurchschaubarer und realitätsfremder wird. Jan Kage moderiert.

Nur in einem Punkt waren sich CCC, GEMA und Piraten einig: Nichts spricht gegen eine kollektive Interessenvertretung der Urheber wie die GEMA. Aber möglicherweise wird eine solche Vertretung künftig ganz andere Aufgaben als bisher wahrnehmen, orakelt Informatikerin Constanze Kurz (CCC) auf dem Podium und fordert einen zweiten Kulturmarkt. Bruno Kramm (Piraten): „Eines der interessantesten Modelle“. Unter der spröden Bezeichnung "Kulturwertmark" soll ein ausgefuchstes System des anonymisierten Rechtehandels gewährleisten, dass Contentnutzer ohne bürokratischen Overhead à la GEZ oder GEMA selbst entscheiden, welche Werke sie mit der monatlichen (Zwangs-)Abgabe von etwa 5 Euro unterstützen und so Urheber ohne Beteiligung von Labels, Vertrieben und Inkasso-Vereinen mit jährlich 1,5 Milliarden Euro (in der BRD) direkt finanzieren.

Ein wirtschaftsliberal getöntes Konzept, das Nachfrage belohnt. Zugleich werden Werklizenzen liberalisiert, um Remix, Bearbeitung und Filesharing aus dem Sumpf der Illegalität zu holen und die Public Domain zu stärken – der gleiche Gedanke, der dem immer erfolgreicheren Creative Commons Modell zugrunde liegt. Als weitere soziale Komponente sollen Urhebereinnahmen auf Höchstbeträge gedeckelt werden. Heftige Tritte in den Arsch der big Player. Ein Szenario zur Integration der Rechteindustrie fehlt.

Doch auch die GEMA unterstützt Liberalisierungen, zumindest in Zeitlupe: „Wenn der Franzi für die Susi zehnmal einen Song kopiert und auch noch für die Mutter, dann muss man kein Abmahnverfahren machen“ stellt GEMA-Aufsichtsrat Enjott Schneider klar, was weitgehend der bereits bestehenden Rechtspraxis entspricht. Für ihn hört der Spaß bei Filesharing auf. Denn: „Überall ist Musik, und alles will vergütet werden“, ob im Kindergarten, auf dem DJ-Laptop oder im Swinger-Club. „Das muss in den Kopf“. Er sieht den Gesetzgeber in der Pflicht, schärfer zwischen legaler Privatnutzung und illegaler kommerzieller Nutzung zu unterscheiden.

Inzwischen können Urheber freilich selbst über diese Unterscheidung entscheiden. Auf dem Musikportal Bandcamp etwa legen Urheber fest, welche Rechte sie an Downloader zu welchem Preis vergeben – unbegrenztes Kopieren und Bearbeiten kann mit Creative-Commons-Lizenz explizit erlaubt werden. Ohne auf Verdienstmöglichkeiten zu verzichten. Einen „Hack“ des Urheberrechts nennen das die Commons-Aktivisten. Das ist ein Signal an die Rechteindustrie: Die Urheber möchten selbst entscheiden können, wie liberal das Rechtemanagement ist und zu welchen Konditionen ein Werk verwertet wird. Für GEMA und Industrie noch immer ein No-Go, befürchten sie doch weitere Umsatzeinbrüche – verzichten dafür aber völlig auf die Teilnahme an einem boomenden Rechtemarkt. Möglicherweise ein weiterer ökonomischer Kardinalfehler im Umgang mit der digitalen Revolution.

Doch auch die Rechteindustrie verschiebt stillschweigend die Grenzen zwischen legaler und illegaler Nutzung, so dass Werke von Share- und Like-Effekten profitieren können, aber zugleich zuverlässig monetarisierbar bleiben. So entstehen weitere Hybride aus Public Domain und Warenförmigkeit, kommerzielle Bastarde des Commons-Gedankens. Itunes, Amazon, Spotify und zahllose weitere Anbieter holen so die verlorenen Schafe zurück ins lückenlose Rechtemanagement. Gegen geringe monatliche Pauschalen wird sogar illegal gezockter Content von einzelnen Anbietern nachträglich an User lizenziert. „Das funktioniert alles wunderbar und die ganzen GEMA-Komponisten sind extrem glücklich“ fasst Enjott Schneider darum die optimistische Weltsicht der GEMA zusammen. Constanze Kurz ist weniger optimistisch, gibt sich aber kämpferisch: „Meine Hoffnung auf den Gesetzgeber ist gering. Ich seh ja, was die Leute wählen. Die Alternative liegt im Aufbau von Gegenmärkten".

Gedanken sind frei – Urheberrecht im 21. Jahrhundert / Podiumsdiskussion zur Leipziger Buchmesse 2013
mit Robert Defcon, Dr. Stefan Haupt, Bruno Kramm, Constanze Kurz, Prof. Dr. Enjott Schneider, moderiert von Jan Kage (Yaneq)

Veranstalter: Haupt – Rechtsanwälte / http://www.rechtsanwalt-haupt.com/extra_vortr_buchmesse_13.htm
 

November 5th, 2012

Die GEMA und ihre Jubelperser

Die GEMA, wie sie singt und lacht: Man habe sich im Tarifstreit mit den Veranstaltern geeinigt, teilt der Monopolist heute mit. An den existenzgefährdenden Tariferhöhungen für Club- und Liveveranstaltungen hält die GEMA freilich fest. Unterdes schmettert die Bundesregierung GEMA-Reformen ab, denn für Bierzelte bis 700 qm müssen künftig keine höheren Gebühren gezahlt werden, so Staatssekretär Max Stadler (FDP). Einmal mehr rettet die GEMA in Zusammenarbeit mit der Bundesregierung die deutsche Kultur. Nach einer Einigung mit drei Miniverbänden, die nach eigenen Angaben 300 Veranstalter und 300 DJs vertreten, verkündet die GEMA großspurig die Lösung des Konflikts um ihre für nächstes Jahr geplanten Veranstalter-Tariferhöhungen von bis zu 1600 Prozent, die zu heftigen bundesweiten Protesten von Urhebern, Veranstaltern und Publikum geführt haben. Im Gegenzug erhalten die Jubelperser eine Vergünstigung von 20 Prozent. „Die drei Verbände haben ihren (…) Spielraum (…) genutzt. Dies ist (…) zielführender als eine öffentliche Protesthaltung“ fasst GEMA-Vorstand Georg „L. Hubbard“ Oeller das Demokratieverständnis des Münchener Rechtsaußen-Vereins zusammen. Zumal man sich ja auch mit Karnevals- und Schützenvereinen geeinigt hat. Auch für die Betreiber von Bierzelten bis 700 qm werden Musikveranstaltungen nicht teurer, wie Staatssekretär Stadler (kurz "SS") heute im Petitionsausschuss, der die Eingaben von rund 60.000 GEMA-Kritikern verhandelte, im Namen der Bundesregierung wissen ließ. Saufen, Bumsen und Ballern bleibt also billig. Was ich ausdrücklich begrüße.

Jenseits des Bierzelts hingegen spricht sich GEMA-Vorstandschef Harald Heker im Interview gegen Basisdemokratie aus. Schließlich hat man bei der GEMA bereits die wahre, also Orwellsche, Demokratie realisiert. Sprich: Eine Handvoll von Vertretern von 3.400 sogenannten „ordentlichen“ Super-Mitgliedern (darunter zahllose Erben verstorbener Künstler) entscheiden über die Belange von insgesamt rund 65.000 bei der GEMA vertretenen, großteils unordentlichen Urhebern und stopfen sich dabei rund zwei Drittel der zu verteilenden Kohle ins urheberrechtlich geschützte Gesäß. 484.000 Euro davon allein für Heker selbst, 332.000 Euro für Oeller. Dabei könnte die GEMA mit 863 Millionen Euro Jahresumsatz (2010) wichtiger zur Kulturfinanzierung in Deutschland sein als sämtliche Indie- und Majorlabels zusammen. Zumindest theoretisch. Von einer ähnlichen Theorie her betrachtet auch die Bundesregierung die Streitigkeiten um die GEMA als „selbstorganisierter“ Vertretung der Urheber. Immerhin gesteht SS (FDP) im Petitionsausschuss ein, dass man die Tarife auch schrittweise erhöhen könne, erklärt die Politik aber vorsichtshalber für nicht zuständig und verweist auf die Schlichtungsstelle des deutschen Patent- und Markenamts, die – wie Beobachter erwarten – erst dann, wenn viele Clubs bereits dicht machen mussten, darüber entscheiden wird, ob es dabei auch mit rechten Dingen zugegangen ist. Schließlich fördert die FDP seit jeher die freie Marktwirtschaft. Noch praxisnäher zeigt sich die Bundesregierung bei der sogenannten GEMA-Vermutung, die seit 1985 in Paragraph 13c des deutschen Urheberrechts festgeschrieben ist. Dabei handelt es sich um eine weltweit einzigartige Regelung zur Beweislastumkehr, die Veranstalter und andere Musikverwerter dazu zwingt, in einem komplizierten bürokratischen Verfahren beweisen zu müssen, dass von ihnen verwendete GEMA-freie Musik auch tatsächlich GEMA-frei ist – sonst werden entsprechende Pauschalen erhoben. Unsere Regenten können sich in Gestalt von SS jedoch gar nicht vorstellen, dass die GEMA so wie Verwertungsgesellschaften in aller Welt selbst überprüft, ob bei einer Veranstaltung GEMA-pflichtige Stücke gespielt worden sind. Schließlich werden die rund 130 Millionen Euro, die die GEMA für ihren jährlichen Verwaltungsaufwand einbehält, für viel wichtigere Zwecke, wie zum Beispiel Vorstandsgehälter und PR-Arbeit, verwendet. Kurz: Der Rückgriff auf GEMA-freies Repertoire wird Veranstaltern trotz saftiger Gebührenerhöhung nach wie vor praktisch unmöglich gemacht. Die GEMA nimmt die Clubkultur also in die Zange. Es wird folglich von Tag zu Tag weniger gewagt zu behaupten, dass dahinter die politische Absicht steht, die Alternativ- und Clubkultur in der Bundesrepublik finanziell auszutrocknen. Ansonsten müsste man ja unterstellen, dass die GEMA zu blöd ist, um zu wissen, was sie tut. Eine Gelegenheit zur Auseinandersetzung mit der GEMA gibt es am 6. November zwischen 13.00 und 14.00 Uhr im Maritim Hotel Berlin (Salon 3 / Rom), Stauffenbergstraße 26, 10785 Berlin. Allerdings findet die Veranstaltung, bei der die GEMA u.a. ihre sensationelle Einigung mit Schützenvereinen und 300 DJs feiert, unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Zugelassen sind nur akkreditierte Journalisten. Anmeldungen unter kommunikation@gema.de Ob die Mitglieder der Schützenvereine mit Schusswaffen erscheinen, ist zur Stunde noch offen.

September 6th, 2012

Das Haus

Das Kunsthaus Tacheles ist am 04.09.2012 durch die Anwaltskanzlei Schwemer, Titz und Tötter und den von ihnen beauftragten Anwalt Schultz von Schultz und Seldeneck geschlossen worden. Die meisten Künstler haben Haus und Gelände verlassen. Damit endet eine Ära.

Das Haus.

1. Die Mauer

12.04.2011. Heute Nacht geträumt: Wolfgang Schäuble schenkt Ludwig Eben, dem Chef des ehemaligen Café Zapata im Tacheles, einen rustikalen Garderobenständer: eine ironische Reaktion auf die von Eben gegen ihn (in der Realität) gestellte Anzeige wegen Veruntreuung, eine letzte Panikreaktion kurz vor seinem Auszug letzte Woche. Im beiliegenden Traumtext lässt der Bundesfinanzminister wissen, dass die von Eben geforderte Rückabwicklung des Tacheles-Verkaufs von 1998 ein billiger Jura-Erstsemestertrick sei. Jura hin oder her: Auch der Bund der Steuerzahler hatte sich (wieder in der Realität) Ebens Forderung angeschlossen: 25 Mio. € hätte der Bund an der Rückabwicklung des damaligen Verkaufs an Anno Jagdfelds Fundus Gruppe verdient.

Telefonklingeln, ich wache auf. Draußen ist es trist; der beginnende Frühling auf Rückzug. Txus am Apparat. Txus Parras, der am Tacheles-Torbogen eine Galerie und Künstler-Schule betreibt, ist – sozusagen – der Andy Warhol der Streetart. Jetzt ist er panisch: „Sie mauern uns den Torbogen zu“, der Metallwerkstatt wird der Zugang abgeschnitten. Er braucht Pressekontakte. Ich sage ihm Unterstützung zu, telefoniere mit Katrin Maßmann, der Partnerin Ebens, und erzähle ihr als erstes den Traum, dann von der neuen Berliner Mauer. „Wir können nichts mehr tun“ meint sie. Man kann nicht eine Million Euro annehmen, um Haus und Freifläche zu verlassen, und dann das Tacheles retten wollen. Seit vergangener Woche steht also nur noch das halbe Tacheles. Die Stimmung der Verbliebenen hat sich verfinstert. Das Wort Korruption, Verrat macht die Runde, nicht nur im Tacheles.

Beiläufig erwähnt Katrin, dass die die Suche nach Alternativen zum Tacheles schwierig ist. Zwar gibt es durchaus noch passende Räume für ein neues Kunsthaus, interessante Möglichkeiten im Wedding oder Neukölln, aber der Ausverkauf alternativer Konzepte mit dubiosen Partnerschaften und künstlerischen Kompromissen ist in Berlin weit vorangeschritten: Verwertungsdruck. Das kann man auch am Tacheles ablesen: Tinnef und Schmuck, Touris und Dealer. Und dazwischen einzelne Meisterwerke. Doch wirken „Kultur kann man nicht kaufen“- und „Punk-Capital Berlin“-Poster zuweilen wie aus der Zeitkapsel. Acht € das Stück. Spenden für die Patina.

Wie dem auch sei, meint Katrin, sie wird mit ihren Kollegen sprechen, um zu sehen, ob man noch was tun kann. Es tut weh, und Txus und die Metallwerkstatt will man unterstützen. Sie gibt mir die Telefonnummer von Mirko Hertrich von der dapd, den ich sofort anrufe: „Hallo, hier Africa, ehemals Pressesprecher im Kunsthaus. Es gibt eine Neuigkeit: Der Tacheles-Torbogen wird zugemauert“. „Vom Tacheles Verein?“ fragt Hertrich, denn man ist Fiesheiten unter Tachelesen gewohnt und die rund zwanzig Metallkünstler und ihr Chef Hüseyin Arda waren mit dem Tacheles e.V. Chef Martin Reiter nie so ganz grün: Schließlich hatte er 2006 die Werkstatt im Haus räumen lassen und die „Welturlaub“-Galerie dort platziert, ein Outlet für die Vereins-Künstler. „Nein, nein, von der HSH Nordbank: Die Metallwerkstatt soll vom Publikumsverkehr abgeschnitten werden“. Außerdem hat die HSH letzte Woche das naturgeschützte Biotop platt gemacht. „Das ist strafbar“. Hertrich will eine Meldung bringen. Ein Fotograf schaut vorbei.

2. Der Sommer davor

2010. Das war der Jahrhundertsommer. A.M.T, also Khan und ich, hatten schon mehrmals im Zapata gespielt und rauschhafte Eskapaden erlebt. Eines Morgens im Juni ruft mich Katrin Maßmann an. Früher machte sie im Tacheles das Theater. Nach der Abwicklung des Bereichs durch Vereinschef Martin Reiter und ihrer Verdrängung aus dem Vorstand übernimmt sie das Booking im Zapata. „Wir brauchen Hilfe. Das Tacheles soll weg“ meint sie zu mir. Seit dem Auslaufen der Mietverträge Ende 2008 und der Insolvenz des Besitzers Jagdfeld wird das Tacheles von einer Prozesslawine der HSH Nordbank überzogen, sechsstellige Nutzungsentschädigungsforderungen. Sie wollen räumen. Den Verein haben sie schon 2009 in die Insolvenz geklagt.

Ja, klar: Tacheles, die olle Tante, das muss schon sein, denk ich. Kurz darauf bin ich Sprecher einer Gruppe von rund 40 Leuten: Die Betreiber von Tacheles-Biotop („Maggies Farm“) und Freifläche, die Kalerie im Erdgeschoss (die Werkstatt, wo sich Peter Fox hat Metallaffen bauen lassen), das Kino, das Café Zapata, das Restaurant und: Txus Parras und seine Crew im Emma-Goldman-Hotel, benannt nach der polyamoren Anarchistin. Die „Gastro-Fraktion“ nennt das der Tacheles Verein, der die Galerien, Ateliers, Bars und Schmuckwerkstätten im Hauptgebäude hütet. Meine Crew nennt sich selbst – nicht ohne Stolz – „Gruppe Tacheles“ und beschließt bei einem Treffen in Maggies Farm ein Programm: „1. Erhalt des Tacheles für alle auf dem Gelände und im Haus arbeitenden Nutzer, 2. De-Eskalation hausinterner Streitigkeiten, 3. Aufbau einer neuen demokratischen Struktur im Kunsthaus Tacheles, an der alle Künstler, Projekte und Gruppen im Haus partizipieren“. „Also kein weiterer Streit?“ fragt Jeanette, sonst macht sie nicht mit. Nein, kein Streit mehr. Die Sonne brennt im blauen, wolkenlosen Himmel. Eins ist sicher: Es ist alles zu schaffen.

Missionen im Haus. Alex Boese, Fotograf und DJ im Zapata, ein zärtliches Herz des Tacheles, führt mich ein und stellt mir einzelne Künstler vor. Alle kennt er auch nicht. Es sind rund 30, 40 Leute, vielleicht weniger, vielleicht mehr. Ich will Interviews führen, Öffentlichkeit für das Tacheles durch Kunst-Dokumentation herstellen. Ich lasse es mich einwirken. Kraftvolle Arbeiten, die darken, erotisierten Gemälde von Reza Mashoodi oder die Vergewaltigungsphantasmen von Barbara Fragogna. Jetzt gehe ich öfter ins Haus. Ich will sehen, was geht. Und: Wir können zusammenarbeiten, lautet die knappe Message.

So stelle ich mich kurz darauf bei Martin Reiter als Sprecher der neuen Gruppe vor. Reiter ist ein schlaksiger Österreicher mit auffälligem Heimat-Akzent und langen, lockigen graubrauen Haaren, wohl Mitte 50. Das Gesicht ist eingefallen. Etwas überdreht, aber nicht unsympathisch. Er war 1995 ins Tacheles gekommen, hatte auf der Freifläche den Robo-Shop betrieben und im Zapata als Tresenkraft gejobbt. Noch als enger Freund des späteren Gegners, Tacheles-Ur-Künstlers und Zapata-Betreibers Ludwig Eben wird er 1999 in den Vorstand des Tacheles Trägervereins gewählt, zuletzt 2002 als Teil eines sechsköpfigen Vorstands bestätigt. Heute ist er – ohne die jährlich vorgesehenen Neuwahlen – praktisch alleiniger Vorstand auf Lebenszeit.

Beim Durchlesen des Manifests ereifert sich der Künstlerchef, zeigt auf einzelne Unterschriften: „Drogendealer; Vorbestrafter; Zuhälter; Verbrecher“. Er droht: „Wenn Du für diese Leute arbeitest, zerstörst du das Tacheles“. Ein bereits mit ihm geführtes Interview soll ich wieder löschen und auch Interviews mit seinen Künstlern kann ich mir abschminken. Dabei wird er so laut, dass ich mit zitternden Knien das Büro verlasse. „Wir bleiben im Gespräch“ kündige ich an und denke bloß: „Alter, wie bist du denn drauf?“ Zurück im Zapata, werde ich in banger Stimmung empfangen: „Wir dachten: Er dreht dich um“. Umdrehen? Was meint ihr? Euer Streit interessiert mich nicht. Nicht wirklich. Es ist der magische Ort, um den es sich dreht.

3. Der Fall

Mittwoch 7.7.2010. Die Sonne ist brüllend heiß, doch ich rocke entspannt unter schattigen Bäumen und lege auf: Mir ist aufgefallen, dass aus Dubstep plus Dirty South, die ja ähnliche BPM-Geschwindigkeiten haben, eine neue Musikrichtung entsteht. In the Mix. Das probiere ich aus. Abends will ich mit meinem halbspanischen Kumpel Garrido, mit dem ich die Impro-Band Oscillator 1 betreibe, zum Deutschland-Spanien-Spiel elektronisch improvisieren, Mikros positioniert, um die alkoholisiert-euphorische Geräuschkulisse aufzufangen. Haben wir schon bei der EM gemacht. Ich nehme einen Schluck Bier und spiele Curtis Mayfield: „We people, who are darker than blue“. Schön ist es hier, hier draußen im Zeichen von „How long is now“, gewissermaßen das No-Logo des Kunsthaus Tacheles, das weltbekannte Graffiti an der Brandmauer. Die Leute sind entspannt. Geile Mucke, sagt einer.

Ein Anruf der Khan bringt mich in Aufbruchsstimmung. Sie will mit mir ins Brandenburgische Stolzenhagen zur Kommune fahren, das Spiel schauen und feiern. Auch schön, vielleicht kann ich da ein bisschen auflegen. Also sage ich bei Garrido ab. Draußen in Stolzi genießen wir die letzten Sonnenstrahlen des Tages. Deutschland verliert, die Stimmung ist im Keller. Ich lege also nicht mehr auf. Scheiß Fußball. Der Alkoholpegel steigt. Joints kreisen. Khan und ich singen betrunken am Lagerfeuer. Schwarze, schwere Mitternacht. Später gehe ich auf den Balkon, wieder zur Khan, die aber mit Hummeln im Arsch gleich wieder woanders unterwegs ist.

Wortgeplänkel, Prince-Songs aus dem Haus. Ich stehe auf, stolpere nach hinten. Eine Hand versucht mich zu greifen, festzuhalten. Sekunden wie eine Ewigkeit. Ich fliege. Ich stürze wie in ein schwarzes Loch. Aufprall, direkt neben den Steinen auf dem grünen Gras. „Alles in Ordnung?“ ruft jemand von oben. „Nein“ versuche ich zu sagen, aber es wird ein unartikulierter Schrei. Mir wird schwarz vor Augen. Als ich erwache habe ich mir in die Hosen gepisst und Leute stehen um mich rum. Ich schaue nach oben. Zwei Stockwerke, das hatte ich nicht gewusst. Khan ist tapfer und gibt mir Anweisungen: Ich soll ganz ruhig atmen, mich nicht bewegen und nicht in Panik geraten. Der Krankenwagen ist schon unterwegs. Frauen streicheln mich. Alle sprechen mir Mut zu. Für einen Augenblick ist es, als hätte ich für diese Liebe gelebt. Ich schließe die Augen.

Im Krankenwagen machen die Sanitäter, Brandenburger Kerls, so ihre Witze: Welche Knochen man mir noch brechen könnte. Fast eine dreiviertel Stunde bis nach Eberswalde. „Werner-Forßmann Krankenhaus“ teilt mir im Untersuchungsraum eine Schwester mit, um mich kurz danach abzufragen: Wie heißt das Krankenhaus? Wie ich heiße. Wann ich geboren wurde. Mögliche Hirnschäden ausschließen. Ich bin verwirrt. Eine MRT-Untersuchung ergibt: Zwei Wirbel angebrochen (9 und 11; wie mein gleichnamiger Song Disco 9/11), Lungenquetschung, kleinere Schäden. Jetzt darf ich endlich das heiß ersehnte Glas Wasser trinken, noch immer regungslos. Man verfrachtet mich aufs Zimmer. Andere Patienten jammern und werden medikamentös still gestellt, am Bett festgeschnallt. Paranoia. Einer fliegt übers Kuckucksnest. Die wollen mich fertig machen. Ich versuche meine Familie per Handy zu erreichen, meinen Vater, Khan. Als ich sie später spreche, stelle ich nur eine Frage: Liebst Du mich? Ja, über alles. Ich dich auch.

Tagsüber werde ich von der Unfallstation in ein reguläres Krankenzimmer gebracht. Im Bett neben mir liegt René H., mit einem geschienten Bein, Chef, so erfahre ich, einer umtriebigen Motorradgang, der Verwicklung in Drogenhandel, Gewaltkriminalität und Zuhälterei nachgesagt wird. Ein Tier, ein Muskelmann, über und über mit Tattoos bedeckt, immer von seinen nicht minder adretten Kumpels bewacht, die weit über die Besuchszeiten bleiben. Von Zeit zu Zeit besuchen ihn frivole Damen, die eine kommt als Krankenschwester, holt ihm einen runter. Geldpakete werden verteilt. Nein, René, ich will keine Line ziehen. Kommt geil mit Schmerzmitteln, versichert er. Ich will endlich schlafen. Doch die Männer grölen weiter.

Als ich nachts im Bett kerzengerade hochschnelle, in die Hände klatsche und im Befehlston schreie: „Schluss, jetzt wird gepennt“, keimt bei H. ein Verdacht auf: Das ist ein Spitzel, der hat gar keine Knochenbrüche. Das heimlichtuerische Verhalten, mit dem ich meinem Freund Ben Zeichnungen von der Belegung des Zimmers anfertige (links „Defcon“, rechts „Gangster“), trägt zu diesem Eindruck bei. Mit einem Brett will mir H. von seinem Bett aus die Fresse einschlagen, droht er am nächsten Morgen.

Ich lasse mich von einer Krankenschwester zum Klo begleiten. Dort flüstere ich ihr zu, dass die Situation unhaltbar ist und ich schleunigst auf ein anderes Zimmer muss. Auch mein Vater, Khan und Ben machen Druck. H. kommt woanders hin. Er lässt sich umstandslos, ohne Murren verlegen. Selbst Ganoven sind im Krankenhaus Patienten. Jetzt kann ich endlich durchschlafen.

Allmählich gewinne ich wieder Kraft, stehe sogar wieder auf, mit Rollstuhl geht’s durchs ganze Krankenhaus.

Alle Freunde, auch die ganz alten, lange nicht gesehenen, schauen vorbei. Mein besorgter Vater. Khan kommt mit Lucy, die gerade im siebten Himmel und in Max verliebt ist und mir zu christlichen Gebeten rät, Lupus, Danja, Yvonne, Reimund, Claudia. Andere rufen an, auch König Quasi. Ich bin überwältigt. Mit Blake sitze ich draußen auf der Bank. Ich bin dankbar für eine zweite Chance. Es hätte auch für immer vorbei sein können. Er nimmt mich in den Arm.

In den langen, schwülen Nächten im Krankenhaus denke ich, dass jetzt etwas Neues beginnt. Dass Demut wird, wo bislang Wut war. Ich verlege meinen Geburtstag auf den 8.7. und denke an einen neuen Namen.

Meinen Termin bei Martin Reiter sage ich per Email ab. Er wünscht mir alles Gute. Auch die Zapata-Crew schaut vorbei, Katrin, Joanna, Ludwig. Einen „Steinbeißer“ nennt ihn Khan: Sein fast unerschöpflicher Durchhaltewille beim Kampf gegen jede Wahrscheinlichkeit. Die Wut, die ihn antreibt. Und klar, ich mache weiter im Tacheles. Nach dem Krankenhaus.

4. Der Versuch

Einst hatte Ludwig Eben, so erzählt er, den Stempel, auf dem sich das originale Tacheles-Logo befindet, unter Schrottbergen auf dem Areal gefunden, vielleicht ein alter Unternehmensstempel. Der Name „Tacheles“ selbst stammte von einer Band aus dem Umfeld der Ostrocker „Freygang“ und will sagen: Klartext statt Stasi-Staat.

Vereinschef Martin Reiter gründet unterdes eine eigene „Gruppe Tachles“ auf Facebook, mit dem gleichen, von uns leicht abgeänderten Tacheles-Logo. Verwirrungstaktiken, die für Heiterkeit sorgen und zugleich zu einem neuen, unkopierbaren Logo führen: Setzt man zwei Tacheles-Logos zusammen, entstehen links und rechts Flügel, in der Mitte ein Kreis, in dem „Unite“ steht. Das wollen wir erreichen: Versöhnung.

Parallel entsteht die grandios schwachsinnige Idee zum Berliner Riesenkranz – eine gewaltige, 2000 Tonnen schwere Konstruktion aus Metallschrott über den Dächern der Stadt, auf dem riesigen Innenstadt-Areal, auf dem auch das Tacheles steht, als ein aus dem Weltraum sichtbares Zeichen der gemeinschaftlichen Kraft freier Menschen. Auch ein Kreis. Der Grundstein von Alex Boese und Richard Gruber, eine Miniatur des Kranzes, wird am 3. Oktober 2010 gelegt. Dr. Motte schlägt auf Facebook vor: Kranz vergolden. Mit einem Voodoo-Ritual werden die bösen Geister aus dem Haus vertrieben. B.Z. berichtet.

Der Verein giftet auf Facebook zurück: Der Riesenkranz ist doof und hässlich, man solle lieber Volxküche machen. Auf Facebook wird schmutzige Wäsche gewaschen. Meist unter der Gürtellinie.

Parallel entstehen stadtpolitische Texte über das Zumauern der Berliner Freiräume. „Die privatwirtschaftliche Umgestaltung, die seit 1990 das Ziel der Berliner Stadtentwickler war, ließ Orte entstehen, die von Unternehmensketten, Groß-Konzernen, Shopping Malls und Massenkultur besiedelt und privat kontrolliert werden. Die öffentliche Hand zog sich aus der Gestaltung zurück und ließ zugleich zu, dass die aktive Nutzung und Umgestaltung der neuen Räume durch Hausordnungen, private Sicherheitsunternehmen und eine gegen Zweckentfremdung abgesicherte Architektur verhindert wird. (…) So verhält sich das Unterhaltungs- und Konsumangebot am Potsdamer Platz zur globalen Subkultur Berlins etwa so wie die letzte Love-Parade zu den ersten“ (in: Zeitschrift des Deutschen Kulturrats). Tacheles, geduldete Illegalität im Zentrum der Hauptstadt, rechtsfreies Asyl, wo neben den Joints auch mal die Urne von Fritz Teufel ihre Runden macht. Ein Narrenschiff. Haus der Wut, Haus der Spiegelgefechte, Haus der Grenzen, Haus der Drogen, Haus der Träumer, Haus der Lüste.

Es folgen sommerliche Wasserspiele: Der insolvente Eigentümer des Areals, Bundesverdienstkreuzträger Anno August Jagdfeld, kündigt den Versorgungsvertrag. Die Wasserwerke wollen dem Haus das Wasser abschalten. Dutzende Anrufe, Mails, Zeitungsartikel, Anwaltstreffen und Postings später macht sich der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit stark für das Tacheles – noch einen Skandal bei den teil-privatisierten landeseigenen Wasserbetrieben will man sich angesichts beschämender geheimer Privatisierungs-Verträge nicht erlauben.

Oktober. Zu den neu initiierten wöchentlichen Tacheles-Versammlungen kommen die Leute aus der Metallwerkstatt und die Gruppe Tacheles. Ein Bündnis entsteht. Auch Hüseyin Arda schreibt ein Manifest: Pro Tacheles, Projekt Optimismus. Das Vereinsumfeld lässt sich hingegen nicht blicken, nur Reiter geht draußen vor dem Studio54, wo wir uns treffen, nervös auf und ab.

Nach hoffnungsvollen Anfängen kippt die Stimmung. Es kommen immer weniger Leute. Eben will Druck machen und veranstaltet nun eigene Wasserspiele. Dem Tacheles Verein und damit den Künstlern will er den Hahn zudrehen, schließlich zahlt er für ihr Wasser jeden Monat 2000€. Er verdächtigt Reiter, das Wasser nachts laufen zu lassen. Kurz: Die Künstler sollen mit demjenigen reden, der ihre Rechnungen zahlt, und möglichst ihren Anteil an den Kosten übernehmen.

Der Verein argumentiert schlüssig auf Facebook: Das Zapata habe durch jahrelangen Stopp der Mietzahlungen sechsstellige Beträge vereinnahmt, insofern sei es nicht zu viel verlangt, wenn jetzt das Wasser bezahlt werde. Gruppe Tacheles: Wir zahlen, wenn demokratisiert wird: 12 Jahre Martin Reiter sind genug. Die alte Pattsituation. 150 Prozesse haben die beiden Tacheles-Clans seit 2002 gegeneinander geführt. Eben bleibt knallhart: Er dreht schrittweise das Wasser ab. Der letzte Energiestrom zwischen den beiden Teilen des Hauses versiegt. Das schnelle Ende des Befriedungsversuchs. Erpressung, Menschenrechtsverletzung, heißt es von einigen Künstlern. Sie nehmen eine Regenwasseranlage in Betrieb.

Meine Besuche im Tacheles werden seltener. Ich denke an Kündigung, benenne für kurze Zeit das von mir vollgeschriebene Infoportal in „Haus der Lüge“ um, lasse jedoch am Ende fünfe gerade sein.

Also schreibe ich. Zuhause texte ich für tacheles.info, baue gemeinsam mit Programmierer Dany online das Tacheles-Geschichtsarchiv und ein Kunstportal auf, eine Art MySpace für Tachelesen, gehe ein, zwei Mal die Woche kurz ins winzige Büro hinter der Zapata-Backstage, dann zu Txus, der mir in einem wilden, ununterbrochenen Wortschwall erklärt, was wir alles gemeinsam machen könnten und mit welchen Leuten zusammen was geht in der Stadt und darüber hinaus: In Polen, in England. Klar, es geht so einiges. Ein paar Wochenenden jammen Khan, Txus, Laura und ich bei ihm im Emma-Goldman-Hotel, machen Aufnahmen, die sofort auf CD gebrannt und für 5 € verkauft werden. Ich kaufe eins seiner Graffiti-Bilder: „Freedom, not fear“. Es hängt noch immer über meinem Schreibtisch.

Ein melancholischer Hiphop-Beat mit Ziehharmonika, über den Txus pfeift und von „Kickass Generation“ und „no more war, no more war, no more fighting“ singt, mehr schreit, durchwuchert den Herbst. Die Tage werden kürzer und deutlich kühler. Txus Atelier ist kaum beheizt, die Tacheles-Zentralheizung ist vor Jahren ausgefallen: Der Verein konnte oder wollte die Gasrechnungen nicht bezahlen.

Dick anziehen. Um den flaschenbetriebenen Gasofen scharen. Es wird Winter. Ich mache Aufnahmen von der – ebenfalls unbeheizten – Metallwerkstatt und stelle sie ins Netz. Ganz oben im Haus, bei der Dauerausstellung von Alexander Rodin, singt ein polnischer Künstler für Khan und mich ein traurig-schönes Lied: „Mein Bewusstsein tanzt“. Irgendwann geht Txus auch das Gas aus, er pennt bei Minusgraden in seinem Anarcho-Hotel. Die Dealer jedoch harren nachts am längsten aus. Einer davon wirft dem Zapata die Scheiben ein, weil er nicht rein darf. Vor Txus Galerie geht zuweilen eine Dame dem Gewerbe nach. Während er sich im Zapata aufwärmt. So vergeht der Winter.

5. Die Kräfte

Hinter den Kulissen: Das Tacheles ist auch nicht mehr das, was es einmal war, lässt uns André Schmitz wissen, Stellvertretender Chef der Senatskanzlei, direkter Draht zum Regierenden Bürgermeister, so als hätte man im Senat auch nur eine Spur Empathie für die Anarcho-Freakshow der Neunziger, entstanden im Machtvakuum eines zerfallenen Staats. Auch der Besuch von Katrin und mir bei Alice Ströver, Kultursprecherin der Grünen, endet ergebnislos: Sie liest uns die Leviten, macht uns Vorhaltungen. Ein so zerstrittenes Haus ist eben nicht zu retten. Wir wollen Frieden, wir wollen Veränderung, wir wollen neue Kunst, geben wir zu bedenken. Und: Wir haben einen Kredit für den Kauf des Hauses aufgetrieben.

Interessant. Aber Ströver egal. Man wird sich vielleicht dafür stark machen, dem zukünftigen Käufer des Areals ein Ersatzgrundstück anzubieten. Im Abgeordnetenhaus machen SPD und Grüne ohnehin bereits Politik für ein neues Tacheles: Es muss ein schlüssiges Konzept für das Haus her, wird im Plenarsaal von Ströver laut gedacht, Wowereit nickt. Zwischen den Zeilen heißt das: Mit den jetzigen Leuten ist kein Staat mehr zu machen. Der Senat wollte schon immer ins Tacheles, meint Katrin. Ludwig Eben, lakonisch: Panzerkreuzer Alice.

In Berlin wird es unterdes wieder wärmer. Neben unerschöpflichen Touristen-Massen reisen seit Februar Leute mit Geldköfferchen durch das Haus: Wer wird Millionär? Die Kanzlei Schultz und Seldeneck bietet einzelnen Gruppen Kohle an, wenn sie das Tacheles freiwillig räumen. Das steht nicht zur Debatte, heißt es von der Metallwerkstatt, heißt es von der Gruppe Tacheles, heißt es vom Verein.

Im Haus hängt der Tacheles e.V. derweil A1-Plakate auf, in denen er sich von Gruppe Tacheles, Pub-Crawl, Eintrittsgeldern für die Freifläche und Ballermann in Namen freier Kunst distanziert und die Gastronomen zur sofortigen Raumübergabe auffordert: „Das Kunsthaus Tacheles repräsentiert mit seinen 30 Ateliers, den Ausstellungsräumen und dem Theatersaal einen Freiraum für die Kunst, der eben nicht marktorientiert und auf Profit ausgerichtet ist“. Und: „Gebt den KünstlerInnen die Räume zurück. Alkoholismus ist keine Kunst“. Parallel öffnet der Verein eine weitere von unzähligen Schwarzbars: Im ehemaligen Büro. Im Theater läuft Gabber.

Eine „Gruppe Ballermann“, ein „Zusammenschluss der Säufer, Dealer und Kokser im Tacheles“ macht sich hingegen über Mief unterm Kunsttalar lustig und postet die Erklärung des „Wichtighaus Tacheles“: „Unsere Arbeit repräsentiert mit zehntausenden von Gelagen, Sexorgien und Exzessen einen Freiraum für das Leben, der eben nicht so tun muss, als sei er auf mehr gerichtet als pure Lust und Lebensfreude. (…) Künstler, gebt den Gastronomen die Räume zurück! Der Ernst der Kunst muss endlich ein Ende haben! Musealisierung sofort beenden! Andacht ist kein Leben!“

Letzte Rettungsversuche scheitern: Die dubiosen Machenschaften des insolventen Tacheles-Besitzers Jagdfeld werden nicht aufgeklärt, auch nicht vom Spiegel, ebenso wenig wie dubiose Brandstiftungen; der Verkauf des Tacheles-Areals an Jagdfeld durch den Bund wird nicht rückabwickelt und die HSH Nordbank nimmt unser Kaufgebot in Höhe von 2,84 Mio. € nicht an und droht stattdessen mit weiteren Prozessen. Die Presse schweigt zu den investigativen Themen, schwelgt lieber in – meist undifferenzierter – Streitbeobachtung und “es riecht nach Urin”.

Zudem machen die Ämter Druck. Immer mehr neue Mitte-Nachbarn beschweren sich über Lärm. Martin Reiter verteilt Schreiben in der Nachbarschaft, in denen er vor dem Zapata und seinem „rein kommerziellen Umfeld“ warnt und zu Lärmanzeigen auffordert, beigelegt sind Kunstkataloge. Die De-Eskalation ist endgültig gescheitert, poste ich im Februar auf tacheles.info. Jetzt wird die Exit-Option erstmals ernsthaft diskutiert. Freitag, am ersten April, der letzte Anruf beim Senat: Sprecher Thorsten Wöhlert lässt Katrin seine Privatmeinung wissen: Nehmt das Geld. Kein Aprilscherz.

Auf eine Million € handelt Eben die Kanzlei hoch, die für einen anonymen Hintermann handelt. HSH Nordbank vermutet Eben. Katrin berichtet mir vom Treffen der Kerngruppe, den elder statesmen der Gruppe Tacheles: „Wir sind draußen“. Wahrscheinlich. Ludwig Eben ist nach 21 Jahren in einem fast ständigen Abwehrkampf, intern und extern, müde. Er will nicht mehr. Nicht mehr im Tacheles. Die HSH Nordbank droht mit weiteren Prozessen, die Nutzungsentschädigungsforderungen lassen das ökonomische Aus wahrscheinlich werden. Auch der Anwalt will abspringen, denn ein weiterer Abwehrkampf geht nur mit Tricks und grenzt an Rechtsbeugung. Eben bietet an, dass jemand anderes aus der Crew das Zapata übernimmt. Keiner will. Kemal Cantürk hat sogar schon eine neue Location in Treptow, außerdem ist es für ihn mit 65 an der Zeit, in ruhigeren Gewässern zu schwimmen. Auch Peter vom Kino will raus. Mit Filmen wie „Immer Drama um Tamara“ war der Ort als Off-Kino ohnehin nicht zu halten – nur die nächtliche DJ-Culture brummte bis zum Schluss. Biotop und Rap-Restaurant Studio54 wollen vielleicht bleiben. Am Sonntag soll noch mal abschließend diskutiert werden.

Ich gehe zu Txus rüber, Tränen in den Augen. „Txus, sie wollen das Tacheles verkaufen“. „Ich werde nie gefragt“ bemerkt er, sprudelt aber vor Optimismus: Wir machen weiter! Auch ohne Zapata, ohne Ludwig, ohne Gruppe Tacheles. Er hat schon viele Räumungen überstanden. Ich kaufe mir im Kiosk nebenan Zigaretten und Cola. Die ersten sonnigen Frühlingstage. „Ich verstehe Ludwig“ meint er und zeigt mir einige von Ebens Bildern, die nur noch bei ihm zu sehen sind.

Am Wochenende feister US-Hiphop live im Zapata und ein Sixties-Liveauftritt im Biotop: „Ain´t gonna work in Maggie´s Farm no more“. Abschied. Kinder legen ein Lagerfeuer an und lauschen der uralten Geschichte von zwei Clans, die um Vorherrschaft auf einem Stück Land kämpfen. Hier draußen, umstellt von HSH-Nordbank-Zäunen, mitten in der Hauptstadt, unter freiem, sternklaren Himmel, war für mich der Ruhepol des Tacheles. Darüber schwebte einst die gewaltige Kuppel der Friedrichsstadtpassagen, von denen nach Sprengungen zu DDR-Zeiten nur die Ruine verblieb, die heute das Tacheles ist. Allmählich senkt sich eine bleierne Schwere über das Haus. Das Gerücht vom Auszug macht in den rostigen, vielsprachigen Kommunikationsröhren des Tacheles seine Runden.

Sonntag fällt die endgültige Entscheidung: Wir gehen. Ich komme später dazu. „Katrin, ich kündige“ sage ich. Hank Moell, der Architekt, redet etwas angetrunken auf Ludwig ein. Hank, sei mal still, sage ich und schaue Ludwig in die Augen. Er wirkt in diesem Moment sehr alt und wendet sich ab, hält die Hand vor das Gesicht, um die Tränen zu verbergen. Ein Traum ist geplatzt. Ich umarme Katrin. Heulen.

Als erstes sage ich Pete Missing bescheid, die New Yorker Graffiti-Legende, ganz hinten bei den Metallern. „Ludwig is leaving? No, that´s not true“. Alex Boese bringt ein Bier. „Ich bin arbeitslos” bemerke ich. Wir sprechen über den Fluch, der auf dem Gelände lastet, die ewige Wiederholung von Scheitern und Misserfolgen. Seit einhundert Jahren. Das Tacheles ist ein Haus, in dem viele Geister, viele Dämonen hausen, nachts kann man sie sehen, erzählt Missing. Erst letztens seien SS-Leute auf sein Atelier zugestürmt. Und nochmal: „I can´t believe Ludwig is leaving. I don´t agree with pubcrawl, but he is a friend“. 1995, erinnert er sich, war Ludwig Eben so etwas wie der König des Tacheles. Auf der Hoffläche ragte nicht nur die berühmte Kampfmig, sondern auch die von Eben mit Uwe Keßler und Tom Sojka erschaffene „Installation Airbus“ in den Himmel, schräg in der Erde verankert: Busschrott. Untertitel des Werks: „Aufschwung Ost steckt fest. Von der Realität zur Hysterie“. Tom nahm sich das Leben, Keßler ging, Eben blieb.

Inzwischen fassen die Jüngeren die Lage in künstlerische Bilder: Von Metallerin Emilie Gotmann, Künstlername: Eggon, stammen die Schiffbrüchigen, Metallfiguren, mit denen sie im März vor Txus Galerie eine Schweiß-Performance veranstaltet. Hier sind sie: Die Künstler, auf einer wackligen Scholle umgeben vom stürmischen Ozean der Spekulation, noch immer auf der Suche nach Hoffnung, Glück, nach Individualismus, nach Anerkennung, nach Gemeinschaft. Einige liegen am Boden, haben die Hoffnung aufgegeben, andere ertrinken bereits. Einer blickt in weite Ferne.

Auch Emilie sage ich Bescheid, dass es einen Deal gibt, dass es für die Gruppe Tacheles vorbei ist. Fassungslosigkeit. Nachts gibt es im Zapata eine Abschiedsfeier, bei der viele weitere Tränen fließen. Wut. Verzweiflung. Der Riesenkranz-Grundstein wird abgesägt. Das hölzerne Zapata-Schild im Hof zerstört die Crew selbst. Der letzte Stolz.

Am Montag, dem 4. April, soll im Amtsgericht Mitte die Zwangsversteigerung des Tacheles-Areals stattfinden. Verwirrung: Die Zwangsversteigerung wird im letzten Moment von der HSH Nordbank abgeblasen. Was steckt dahinter? Vielleicht doch noch eine Chance? Doch parallel beginnt schon die Räumung. Bagger machen alles platt, Bäume knicken ein wie Streichhölzer. Es kommt mehr Presse als Proteste. Wütende Wortgefechte Einzelner mit Martin Reiter vor laufenden Kameras. Conny Boese, einer der Zapata-Co-Chefs, gibt Interviews, ringt um Fassung. „Was erwartet ihr evtl. von den Berlinern? Unterstützung?“ lautet eine Frage. Arda stellt sich schützend vor das Biotop. Khan filmt alles mit. Ich weine in ihren Armen. Anwälte stolzieren über das erbeutete Gelände: Das ist aber hässlich, das kommt aber weg. Ich beantworte doch noch einmal die Pressefragen, 20, 30 Interviews: Schaut auf dieses Haus, schaut auf dieses freie Stück Land im Zentrum der Hauptstadt. Ein Stück Erde, auf dem wir nur zu Gast waren, um es an Spätere heil zu übergeben. Vielleicht bin ich ein Lügner.

Am nächsten Tag werden die Schlüssel bei den Anwälten abgegeben, die Kohle überwiesen. Nun wird auch das Biotop mitsamt Bäumen, Enten und Fröschen von Baufahrzeugen platt gemacht. Die Freifläche wird abgeriegelt. BILD ruft an: Wie das Geld verteilt wird? Weiß ich nicht, interessiert mich nicht, falsche Frage, ich bin draußen, ich bin pleite. Nein, bitte kein Foto. Auch ich war hier nur zu Gast. Und der Teufel lacht mir ins Gesicht.

In den darauf folgenden Tagen stellt sich ein merkwürdiges Gefühl der Leichtigkeit, ja des Glücks ein. Game over. Press Start.

Postscriptum 06.09.2012: Txus Parras und einige der Metallkünstler befinden sich noch immer auf dem Gelände.

Postscriptum 22.10.2012: Txus hat den Prozess der HSH verloren. Er muss seine Sachen packen und gehen.

August 23rd, 2012

Prick Explosion

Journalisten reden dank russischer Dissidenz derzeit öfter von Pussy als Pornorapper. Hätte wikileaks-Informant Manning als regierungskritischer Gangster-Rapper eine ähnliche Aussicht auf mediale Berichterstattung und internationale Unterstützung wie Pussy Riot? Madonna, Peaches, die Antwoord und viele andere Popikonen erweisen sich als nützliche Idioten westlicher Geopolitik. Doch Pussy Riot machen alles richtig.

Während BILD-Kolumnist Franz-Josef Wagner gelobt, die „tapferen, mutigen, tollen Frauen“ nicht zu vergessen, Alice Schwarzer den „übermütigen jungen Frauen“ in der Emma Beifall zollt und westliche Regierungen unisono das „unverhältnismäßig harte Urteil“ (Angela Merkel) verurteilen, erklären sich Pop-Acts von Madonna über Peaches bis hin zu der Antwoord – ebenfalls unisono – solidarisch mit den drei inhaftierten Frauen der russischen Punkband „Pussy-Riot“. In den digitalen Netzwerken: eine Welle der Sympathie. Seriöse Nachrichtensprecher, Journalisten und Moderatoren führen „Pussy“ öfter im Mund als selbst notorischste Pornorapper. Unterstützer ketten sich an. Eine nackte Russin sägt mit ekstatischem Blick ein von ihr aufgerichtetes Kreuz ab. Mit einer Motorsäge.

„Scheiße, Scheiße, Scheiße des Herrn“ haben die Frauen in der russischen Christ-Erlöser-Kirche gegrölt. Geil. Sie haben Putin und den Patriarchen herausgefordert. Zwei Jahre Arbeitslager. [In der Bundesrepublik gäbe es für ähnliche Vergehen eine Geldstrafe oder bis zu drei Jahren Haft]. Unterdes werden „Pussy Riot“ mit ihren Provokationen und Analysen der russischen Gegenwart zum Symbol für die in Russland entstehende Putin-Diktatur und die prekäre Lage der Meinungsfreiheit im anarchischen Riesenreich. Auch von Folter und Misshandlung der Frauen ist die Rede. Selten waren sich westliche Popkultur und öffentliche Meinung mit ihren Regierungen in einem Urteil so einig. Vielleicht wird so die rechtzeitig zum Prozessende veröffentlichte Single auf diese Weise ein Bombenerfolg. Pussy Riot haben also, in gewisser Weise, alles richtig gemacht.

Das kann man vom Gründer des Enthüllungsportals wikileaks, Julian Assange, nicht behaupten. Trotz gewisser Überschneidungen in der öffentlich verhandelten Materie (Meinungsfreiheit) und seinem Selbstvergleich mit „Pussy Riot” kann Assange mit so uneingeschränkter Akklamation kaum rechnen, wenngleich auch er viele Sympathisanten auf seiner Seite hat. Für Distanz zu Assange gibt es natürlich Gründe, allen voran die gegen ihn von der schwedischen Staatsanwaltschaft erhobenen Vergewaltigungsvorwürfe. Die Doppeldeutigkeit des Falls Assange (Meinungsfreiheit – vs – Vergewaltigung) erklärt auch die derzeitige Sommerlochposse linker Publizisten in Deutschland. So fordert die taz, Assange möge sich den Behörden stellen und erklärt den Verdacht, er könne an die USA ausgeliefert werden, für absurd. In seiner Spiegel-Kolumne widerspricht Jakob Augstein und zweifelt an der Rechtsstaatlichkeit des Rechtsstaats – mit einer Auslieferung von Assange an die Vereinigten Staaten und Schlimmerem sei durchaus zu rechnen. Die Jungle World feuert zurück und wirft ihm „paranoiden Antiamerikanismus“ vor.

Das Random House Unabridged Dictionary definiert „Antiamerikanismus“ als „den Vereinigten Staaten von Amerika, ihrer Bevölkerung, ihren Prinzipien oder ihrer Politik entgegengestellt oder feindlich gesinnt.“ Da Augstein sich einerseits wesentlich umfassender skeptisch zu Politik und Justiz Schwedens, des Vereinigten Königreichs und der Vereinigten Staaten geäußert hat und dabei andererseits auf westliche Prinzipien wert legt, ist der in der Jungle World erhobene Vorwurf natürlich unsinnig. Und die rechtsstaatliche Rhetorik der taz: bewunderswert naiv. Geil wie Reagan seinerzeit an der Mauer.

Denn: Was immer man von der Stichhaltigkeit des gegen Assange geäußerten Vergewaltigungsverdachts halten mag und wie auch immer man sich zu der Behauptung, er würde mit seinen Enthüllungen Menschenleben aufs Spiel setzen, stellt, gibt es einen weiteren Grund für fehlende Sympathie für Assange: Die von wikileaks lancierten Enthüllungen der letzten Jahre erlauben tiefgreifende Einblicke in Vertuschungen und Verbrechen von staatlichen Institutionen und Unternehmen in aller Welt, nicht nur, aber insbesondere die unserer US-amerikanischen Brüder.

Die Äußerungen von Vertretern beider US-Parteien und der US-Regierung lassen wenig Interpretationsspielraum, was mit solchen „Hightech-Terroristen“ zu passieren hat: Man muss sie aus dem Verkehr ziehen. Endgültig. Assange kann man also vieles anlasten, aber gewiss keine Paranoia. Der mutmaßliche wikileaks-Informant Bradley Manning zumindest wartet seit zwei Jahren in den USA auf seinen Prozess: Im Knast. Der von der UN-Menschenrechtskommision eingesetzte Sonderberichterstatter über Folter, Juan Ernesto Méndez, hat in einem diesjährigen Bericht festgestellt, dass die Behandlung von Manning möglicherweise gegen die UN-Antifolterkonvention verstoßen hat und nennt diese „grausam, unmenschlich und erniedrigend“. Zwei Jahre? Misshandlungen? Da war doch was? Richtig: Pussy Riot. Von breiter Solidarisierung ist bei Manning hingegen kaum eine Spur. Hätte er als regierungskritischer Gangster-Rapper „Prick Explosion“ mehr Aussicht auf Unterstützung?

Zur Erklärung der unterschiedlichen Reaktionen auf Pussy Riot und Assange/Manning muss eine weitere Dimension der Auseinandersetzungen ins Spiel gebracht werden, auf die das Engagement von Ecuador für Julian Assange, jetzt Hightech-Politasylant, ein Schlaglicht wirft: Für die Geostrategie des Westens zahlen Entwicklungs- und Schwellenländer dank westlichem Militärinterventionismus und Globalisierung der Eliten seit Jahrhunderten einen hohen Preis. Wikileaks präsentiert die Rechnung. Die Drohung der Briten, die ecuadorianische Botschaft in London, in der Assange unter diplomatischem Schutz logiert, zu stürmen,  erzeugt wenig Vertrauen, dass derlei westliche Kolonialherrenmentalität der Vergangenheit angehört. Die Kritik von Pussy Riot an Putin ist vor allem vor dem Hintergrund von NATO-Raketenschild, Ressourcenkonflikten und dem Bürgerkrieg in Syrien für die westliche Geostrategie deutlich opportuner als die Veröffentlichung pikanter Geheimdepeschen und Videos von Kriegsverbrechen durch wikileaks. Das ist ein zentraler Grund, warum unsere Politik mit zweierlei Maß misst. So erweisen sich – bei aller berechtigten Sympathie für Pussy Riot – Madonna, Peaches, die Antwoord und viele andere als nützliche Idioten.

Doch wer weiß: Vielleicht werden blasphemische Pussy Riots im Vatikan, Istanbul oder Washington DC einst den Rahmen sprengen, in dem sie noch nützlich sind für die Pricks, die uns beherrschen.

Google-Ranking (Zahl der Suchergebnisse):

“Pussy Riot” ungefähr 94.600.000 Ergebnisse
“Julian Assange” ungefähr 20.400.000 Ergebnisse
“Guantanamo Bay” ungefähr 9.480.000 Ergebnisse
“Bradley Manning” ungefähr 5.430.000 Ergebnisse

Scheiße. Scheiße. Scheiße des Herrn.

Juli 14th, 2012

»Wir wollen konstruktiv arbeiten«. GEMA-Konkurrenz C3S im Interview.

Die GEMA bekommt eine liberale, gesamteuropäische Konkurrenz: Die neue Verwertungsgesellschaft C3S verspricht mehr Demokratie, faire und transparente Abrechnungen für Urheber und einen freieren Umgang mit Lizenzverträgen: Urheber können mit Creative Commons ihre Werke für nicht kommerzielle Kopien und Bearbeitung freigeben. C3S-Mitgründer Wolfgang Senges steht Rede und Antwort.

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Der Körper der GEMA | Acryl auf Glas | Tim Dada | CC 3.0 by nc

Creative Commons (CC) erlaubt es Urhebern, ihre Werke für kostenlose Kopien und Bearbeitungen freizugeben. Ist Musik so überhaupt noch finanzierbar?

Tatsächlich können kommerzielle Strukturen nur Bruchteile des tatsächlich vorhandenen Musikrepertoires abbilden. Zuweilen, weil es nur ein Nischenpublikum interessiert (als Long Tail aber die Masse abbildet), oder weil die rechtliche Situation unklar ist (wer ist der Rechteinhaber? können sich die Rechtsnachfolger einigen? etc).

Traditionelle, exklusive Lizenzverträge sind auf Verknappung und Kontrolle des Angebots ausgerichtet, während Creative Commons an Kopier- und Bearbeitungsmöglichkeiten deutlich liberaler herangeht. Das klingt jedoch wirtschaftlich nicht unbedingt lukrativ.

Während es jedem Creative Commons User frei gestellt ist, seine Werke zur nicht-kommerziellen Vervielfältigung und Aufführung freizugeben, setzt C3S bei kommerziellen Nutzungen an. Unsere Mitglieder können sich entscheiden, an welchen Nutzungen sie verdienen und welche gebührenfreie Nutzungen sie zulassen wollen. Eine Art Hybridform, die in einer Hinsicht nicht-kommerziell, in anderer kommerziell ist. Wir bieten eine Ergänzung zu Creative Commons an.

Wie steht die C3S zu einer Urheberrechtsreform?

Das Interessante an Creative Commons ist, dass es nicht im Gegensatz zum geltenden Urheberrecht steht. C3S funktioniert also gänzlich ohne Rechtsreform. Wenn ich mein Werk nicht für Kopien freigebe, bleibt es also geschützt.

Die Haltung zu einer Urheberrechtsreform innerhalb des C3S-Teams ist sicherlich unterschiedlich. Privat würde ich eine Verkürzung der urheberrechtlichen Schutzfristen und eine fair-use-Regelung ähnlich wie im angelsächsischen Raum für sinnvoll halten.

Wird die Liberalisierung des Lizenzvertragsmodells nicht zwangsläufig eine Abwärtsspirale bei den Lizenzierungspreisen und damit fallende Künstlereinkommen nach sich ziehen?

Es bleibt abzuwarten, wie sich der Markt entwickelt – insbesondere, weil im Grunde der bestehende Markt um einen zweiten Teilmarkt ergänzt, bzw. dieser ausgebaut wird. Denn die Angebote GEMA-freier Musik existieren ja bereits.

Zu vermuten ist jedoch, dass das Gros der kommerziell verfügbaren CC-Werke zunächst erst an Akzeptanz gewinnen muss. Wie jedes andere Produkt wird der Weg unter Umständen über einen günstigeren Preis gehen.

Teilweise könnte dies aber gerade für Lizenznehmer eine Senkung der bisherigen Preise nach sich ziehen, da die C3S weg von der Pauschallizenz hin zu einer exakten Abrechnung geht. Für die breite Masse der Urheber dagegen bedeutet dies vielleicht nicht eine enorme Steigerung der Einnahmen, aber eine spürbare finanzielle Verbesserung für viele – auch für diejenigen, die heute nichts bekommen.

Was bedeutet Creative Commons konkret für das Geschäftsmodell von C3S?

Das Geschäftsmodell von C3S ruht auf sechs Säulen. Die drei zentralen sind die Mitgliedsbeiträge, die Lizenzeinnahmen sowie die aus der Vermittlung von Inhalten an Lizenznehmer, wie z.B. Agenturen resultierenden Einnahmen. Die Mitgliedsbeiträge kommen dabei nicht so stark zum Tragen, weil wir sie sehr niedrig halten und staffeln wollen. Bei den Lizenzen ist es das Ziel, schrittweise die gesamte auch von der GEMA abgedeckte Rechtepalette anzubieten. Zunächst werden wir uns auf den Online-Bereich konzentrieren und schrittweise einen Lizenztyp nach dem nächsten aufbauen. Wir wollen eine sozial verträgliche Staffelung vorsehen: Bis zu einem gewissen Schwellenwert an Einnahmen von 500 bis 1000 Euro im Monat werden Lizenzeinnahmen zu hundert Prozent an die Urheber ausgezahlt. Erst danach wird ein Prozentsatz an die C3S abgeführt, der mit der Höhe der Einnahmen steigt. Wir rechnen derzeit mit bis zu zehn Prozent. Bei der GEMA sind es für alle Urheber zwischen 15 und 16 Prozent.

Die dritte Finanzierungssäule ist die Vermittlung zwischen Urhebern bzw. Content-Providern und denjenigen, die Content brauchen, Agenturen, Streaming-Anbieter, Filmproduktionen etc. Wir sind mit einer Vermittlungsgebühr beteiligt. Wir sehen momentan ein großes Interesse von Anbietern, mit uns zusammen zu arbeiten.

In Deutschland gibt es mit der GEMA eine äußerst erfolgreiche Verwertungsgesellschaft, die mit 825 Millionen Euro Umsatz (2011) mehr zur Finanzierung des Musikangebots beiträgt als sämtliche Musiklabels zusammen. Ist ein zweite Verwertungsgesellschaft überhaupt notwendig?

Von Creative Commons wird schon länger versucht, mit der GEMA zusammen zu arbeiten. In Frankreich, Dänemark und den Niederlanden waren die Verwertungsgesellschaften offener für Kooperationen. Die dabei heraus kommenden Lizenzmodelle erlauben allerdings Urhebern nicht immer die gewohnten Freiheiten in der Lizenzierung ihrer Werke, die CC ermöglicht. Einzelne Vertreter der GEMA haben bereits unsere Veranstaltungen besucht. Zuletzt haben wir uns 2010 mit der GEMA getroffen, um herauszufinden, ob es nicht vielleicht doch möglich ist, als GEMA-Mitglied Creative Commons Lizenzen zu nutzen. Damals wie nochmals vor einem halben Jahr hat die GEMA hervorgehoben, dass das mit ihr nicht möglich sei. Das war ausschlaggebend für die Gründung der C3S.

Die großen Kritikpunkte an der GEMA sind einerseits der Mangel an Demokratie, andererseits fehlende Transparenz und Verteilungsgerechtigkeit bei der Abrechnung von Lizenzeinnahmen.

Bei der C3S werden alle Mitglieder stimmberechtigt sein. Zudem führen wir eine 1 zu 1 Abrechnung ein: Gezahlt wird, was real genutzt wird – und dieses Geld wird auch 1 zu 1 an die Urheber ausgezahlt und transparent abgerechnet. Eine 1 zu 1 Abrechnung ist heutzutage technisch möglich, ob im Club- und Live-Bereich, im Rundfunk oder Online.

Was sind die nächsten Schritte?

Im Herbst wollen wir die C3S als Genossenschaft gründen. Allein dafür müssen wir ein Startkapital von 30.000 Euro aufbringen, zusätzlich Notarkosten. Darüber hinaus müssen wir die im kommenden Jahr anstehende Entwicklungsarbeit finanzieren. Das sind Summen, die weder aus eigener Tasche, wie bisher, noch über Crowdfunding abzudecken sind. Darum sind wir auf der Suche nach Investoren und Partnern. In letzter Zeit kommen einzelne Unternehmen und Verbände verstärkt auf uns zu – sowohl national als auch international, Management, Verlag, Streaming, Labels, quer durch die Bank.

Der nächste Schritt ist die Anmeldung beim Deutschen Patent- und Markenamt. Ziel ist es, eine kritische Masse von beitrittswilligen Urhebern vorweisen zu können, sowie ein stabiles Geschäftsmodell, um vom Deutschen Patent- und Markenamt zugelassen zu werden. Uns liegt keine konkrete Angabe vor, wie viele Mitglieder wir bei Gründung benötigen. Wir gehen von etwa 1000 Urhebern aus.

Hat die GEMA jetzt Grund, sich zu fürchten?

Wir wollen nicht gegen die GEMA polemisieren. Wir wollen konstruktiv arbeiten und eine produktive Alternative anbieten. Die Gründung einer neuen Verwertungsgesellschaft ist jedoch zugleich ein Hebel, um notwendige Reformen bei der GEMA anzustoßen.

Tatsache ist, dass die GEMA und wir uns bei einer Zulassung durch das DPMA einigen müssen, wie der Ablauf der Verwertung aussehen wird. Dies ist gesetzlich verankert; existieren zwei Verwertungsgesellschaften, kann keiner ohne den anderen.

Im Sinne der Mitglieder jeder Verwertungsgesellschaft muss es eine Kontrolle von Werknutzungen geben – wir aber setzen mehr auf Freiwilligkeit und Mitarbeit der Nutzer: Wir werden sicherlich keine Mahnungen an Schulen schicken, die ein Schulfest planen. Auch zerren wir niemanden ohne Vorwarnung vor Gericht. Zunächst wird es immer den direkten Kontakt zur Klärung geben. Stellt sich dabei eine missbräuchliche Nutzung heraus, ohne Einsicht, werden wir ein Verfahren anstrengen. Wie man sich da mit der GEMA auf einen Weg einigt, ist die andere Frage. Korrekt ist: Wenn es eine zweite Verwertungsgesellschaft gibt, kann die bisher geltende GEMA-Vermutung [die Annahme, dass bis zum Beweis des Gegenteils bei Musiknutzungen von der Verwendung von GEMA-Repertoire auszugehen ist – d. Red.] nicht in ihrer jetzigen Form aufrechterhalten werden.

Wir danken für das Gespräch.

Juni 24th, 2012

Revolver, Krypto-Copyright und Schamgefühle

„No Copyright“, die Anti-Copyright-Bibel der Niederländer Joost Smiers und Marieke van Schijndel, erscheint jetzt auf deutsch. Die Autoren wollen das Urheberrecht durch eine Mischung aus Schamschranken, staatlicher Alimentierung, anti-monopolistischer Gesetzgebung und Revolverkapitalismus ersetzen.

Im Kern haben sie drei Argumente gegen das Urheberrecht: Ein moralisches, ein kulturpolitisches und ein philosophisches.

Moralisch sind die Autoren der Überzeugung, dass das Wissen der Menschheit allen Menschen zur Verfügung stehen und der Kommunikation und Wissensverarbeitung keinerlei Schranke gesetzt werden sollte. Das erzeugt neben kulturellem Reichtum und Vielfalt auch ökonomischen Wert.

Das kulturpolitische Argument reibt sich an der monopolistischen Struktur der Content-Industrie, an Blockbustern und Star-System, das die Mehrheit der konkurrierenden Kleinanbieter an den Rand drängt. Das grenzt an Zensur, sagen die Autoren. Das Urheberrecht wird „von den Konzernen dazu benutzt (.), um die völlige inhaltliche Kontrolle darüber auszuüben, wie ein Werk in einer Gesellschaft funktioniert“.

Das philosophische Argument lautet: „Wenn A ein bestimmtes Wissen nutzen oder eine Melodie singen möchte, kann B dies ebenfalls tun, ohne dass das Wissen oder die Melodie dabei etwas verliert“. Damit unterscheidet sich geistiges Eigentum grundsätzlich von dinglichem Eigentum – ein materielles Ding kann immer nur einem einzigen gehören. Geistiges Eigentum ist – ontologisch gesehen – in erster Linie Gemeineigentum und seine Privatisierung eine Sonderentwicklung des westlichen Rechtssystems, die überdem neo-kolonialen Bestrebungen Vorschub leistet. (vgl. dazu: “Was ist ein Autor” von Michel Foucault).

Die Medizin der beiden Niederländer: Das Copyright muss abgeschafft werden. Das würde quasi automatisch zum Zusammenbruch der Content-Monopole führen, denen die Geschäftsgrundlage entzogen wird. Zugleich sollen Kartell- und Wettbewerbsrecht dafür sorgen, dass keine neuen Monopole entstehen und auf den Märkten „Chancengleichheit“ besteht. Das ist dann etwa so, wie wenn zwischen Christina Aguilera und Cindy aus Marzahn Chancengleichheit besteht, weil SONY pleite geht. Kurz: Ein ultra-liberales Hirngespinst in der Tradition der österreichischen Schule der Nationalökonomie, der Leonhard Dobusch auf netzpolitik.org „aufmerksamkeitsökonomische Merkmale von Kulturmärkten“ entgegen hält: „Bibel und Koran wurden auch ohne Urheberrecht zu Blockbustern”, denn: „je mehr Menschen über einen Bestseller reden, desto größer der Anreiz für den Einzelnen, auch das Buch zu lesen“. Monopole gehören nach dieser Auffassung zu den vorgängigen Grundmerkmalen geistigen Eigentums.

In die frei werdenden Lücken würde – so glauben die Autoren hingegen – nun die bislang von den Monopolen verdrängte Mehrheit der Urheber vorrücken und der Mittelstand gestärkt werden: „Würden unsere Vorschläge umgesetzt, bräuchten sie nicht mehr gegen die Megakonzerne ankämpfen, die mit ihrem allgegenwärtigen Marketingwirbel alle anderen Angebote verdrängen“ – schließlich ist der Marktanteil der „Independents im Digitalzeitalter sogar geschrumpft (…), obwohl die Technologie zur Produktion und zum Verkauf von Musik durch die Digitalisierung ausgesprochen preiswert geworden ist“. Dass durch No-Copyright-Kahlschlag durchaus auch kulturelle Angebote zerstört werden können, ist den Autoren bewusst: „Es wäre nicht das erste Mal in der Geschichte, dass durch veränderte Produktionsbedingungen bestimmte Genres untergehen und andere auftauchen“.

Für den durchschnittlichen Urheber hingegen bringt die neue Marktkonstellation handfeste Vorteile, glauben die Autoren, und führt keineswegs zu einem Verlust der Verwertungsmöglichkeiten für ihre Werke: „Zunächst ist da der first-mover-Effekt zu nennen: Der ursprüngliche Verleger oder Produzent ist als erster auf dem Markt, was ihm einen Vorsprung verschafft“. So wird das Copyright durch ein naturwüchsiges (man könnte auch sagen: revolverkapitalistisches) Quasi-Copyright ersetzt: Die Konkurrenz ist demnach nicht schnell genug, um den Urhebern den ökonomischen Erfolg zu ruinieren. Ein paar Monate Zeit hat man also auf jeden Fall, um mit dem Produkt Geld zu verdienen. Zudem komme es darauf an, dass Urheber ihren Werken „einen spezifischen Wert hinzufügen, der nicht einfach nachgeahmt werden kann“ – auch eine Form von Quasi-Copyright – nämlich für Unkopierbares, sprich: für Werte, die wie klassisches Eigentum funktionieren. So bedeutet die Forderung der Autoren nach Abschaffung des Copyrights nichts anderes als ein Krypto-Copyright, ein marktwüchsiger Quasi-Schutz von geistigem Eigentum, der ohne rechtliche Codifizierung entsteht. Im Grunde kommt das der von Piraten geforderten Verkürzung von Schutzfristen und der Entkriminalisierung von Filesharern recht nah. Doch die Autoren grenzen sich von den laschen Piraten ab, weil diese das Copyright nicht abschaffen wollen. Selbst wenn im “Handelsblatt” zuweilen etwas anderes behauptet wird.

Ein zweiter Mechanismus, auf den die Autoren setzen, ist „das Instrument der öffentlichen Diskreditierung“, etwa die „öffentliche Anprangerung“ von Werk-Kopierern, die wirtschaftlichen Nutzen aus der Arbeit anderer ziehen. Die Autoren halten also allen Ernstes gerade den ekelerregendsten Mechanismus der gegenwärtigen Copyright-Debatte für ein sinniges Tool, um für Urhebereinkommen zu sorgen. Dabei wird modernes Recht durch ein auf Scham und Schande gerichtetes Rechtsverständnis ersetzt – eine infantile Regressionsstrategie. Dieses Argument weist besonders deutlich auf den biederen Horizont, in dem die Überlegungen von „No Copyright“ stattfinden. Auch blieben, so die Autoren, von einer Abschaffung des Urheberrechts die in anderen Gesetzen geregelten Tatbestände der üblen Nachrede, der Beleidigung sowie des Rechts auf Schadenersatzes für unerlaubte Handlungen, worunter wohl auch Plagiate zu subsumieren wären, unberührt.

Wo weder Scham noch Krypto-Copyright greifen, soll hingegen der Staat einspringen und künstlerische Arbeit finanzieren. Implizit ist ohnehin der Staat das einzige Monopol, das die Autoren in ihrem Essay nicht in Frage stellen, sondern stärken würden.

Was soll das ganze? Es ist sicherlich berechtigt, Monopole zurückdrängen zu wollen, selbst wenn gerade an einem passenden Movement fehlt. Doch was soll man sich von Krypto-Copyright und Beschämungskampagnen mehr versprechen als noch größeren Druck auf Urheber, sich blitzschnell und ultra-flexibel auf ultra-liberalen Märkten zu behaupten, insbesondere, wenn man es für legitim hält, andere an den Pranger zu stellen.

Die deutsche Übersetzung erscheint im Berliner Alexander-Verlag und ist – im Gegensatz zum Original – urheberrechtlich geschützt. Am 26. Juni kann mit den Autoren im Berliner .HBC diskutiert werden.

Marieke van Schijndel und Joost Smiers
NO COPYRIGHT. Vom Machtkampf der Kulturkonzerne um das Urheberrecht. Eine Streitschrift
Aus dem Niederländischen von Ilja Braun. Mit einem Nachwort von Jürgen Marten
168 Seiten, 2012, Broschur, Fadenheftung, ISBN 978-3-89581-275-0

Englische Ausgabe zum Download.

Buchvorstellung:
Datum: 26. Juni 2012 um 20 h
Ort: .HBC, Karl-Liebknecht-Straße 9, Berlin
(Eingang über die Terrasse im 1. Stock)
Eintritt 2 Euro

Juni 6th, 2012

Musikereinnahmen steigen: Wie kann das sein?

Hört man Klagen von Urhebern, könnte man meinen, dass die Kunst für immer ausstirbt. Real hat die digitale Revolution das Gegenteil bewirkt: Parallel zu einem exponentiell wachsenden Angebot steigen auch Urhebereinnahmen.

Die Einnahmen der bei der Künstlersozialkasse registrierten Musiker sind laut kürzlich vom Deutschen Musikinformationszentrum vorgelegter Zahlen zwischen 2006 und 2010 – trotz starker Umsatzeinbrüche für die Majorindustrie – um durchschnittlich 17,36 Prozent gestiegen. Auch die Einnahmen des Verwertungsmonopolisten GEMA sind in den vergangenen zehn Jahren unbeeindruckt von der Digitalisierung weiter gestiegen. Zugleich ist das Musikangebot dramatisch explodiert – allein die Zahl der bei der GEMA registrierten Urheber hat sich im gleichen Zeitraum auf rund 65.000 verdoppelt, ohne dass sich übrigens die durchschnittlichen Einnahmen je Urheber stark reduziert hätten. Hat uns die Verwertungsbranche belogen?

Seit Jahr und Tag wird Konsumenten eingehämmert: Raubkopien ruinieren den Künstler, geistiges Eigentum dient seinem Schutz und sichert das Angebot. Wie kommt es, dass trotz eines angeblich 95% Anteils von illegalen Downloads am digitalen Markt (Beispiel England 2009) eher das Gegenteil eingetreten ist? Möglicherweise muss umgedacht werden, denn das Szenario der Kulturindustrie klingt etwas gothic.

Fünf grobe Hypothesen:

1. Der Preisverfall der digitalen Produktions- und Distributionsmittel für Musik, Videos und andere Inhalte hat zu einer exponentiellen Entwicklung des Angebots geführt. Fast jeder produziert, kopiert und kann es umgehend digital verbreiten.

2. Das größere Angebot und die illegale Konkurrenz zu legalen Angeboten hat neben den viel beklagten Umsatzeinbußen von Verwertern eine stärkere Konkurrenz der Verwerter und (darum) fallende Angebotspreise für Nutzer zur Folge. CDs werden billiger, Downloads noch billiger. Verwertung wird weniger wert.

3. Fallende Preise führen zu höherer Nachfrage, weil sich mehr Konsumenten mehr Content für weniger Geld leisten können. Das wird nicht nur beispielsweise durch Erhebungen zu der mit Musikhören verbrachten Zeit nahe gelegt, die sich bspw. in England von 1:44 (2003) auf 2:31 Stunden (2009) erhöht hat, sondern erklärt auch, warum sich die Umsätze der Musikindustrie seit 2010 stabilisieren und die Umsätze der Content-Branche insgesamt durch die Decke schießen. Die Verwertungsbasis verbreitert sich.

4. Die Verwerterkonkurrenz (auch mit den Illegalen) stärkt den Urheber: Um ihn konkurrieren unterschiedlichste Anbieter, Plattformen, Geschäfts- und Lizenzmodelle und Vertriebe. Content is King und wer den Inhalt produziert, kann darüber thronen. Das würde das steigende Durchschnittseinkommen der Urheber erklären.

5. Nachteile hat ein schwaches Copyright demzufolge für Verwerter, für Monopolisten: Gewinnmargen fallen. Sowie für die bisherigen Großverdiener unter den Urhebern. Sie kriegen Konkurrenz.

Natürlich ist die Realität komplexer. Merkels Europamaschine gibt Griechenland den Takt vor. Urheber verdienen zu wenig. Laut der vom Deutschen Musikinformationszentrum vorgelegten Zahlen verdienen beispielsweise Pop- und Tanzmusikern 10.963 Euro im Jahr (2010). Die rigide Durchsetzung des Urheberrechts ist jedoch die falsche Medizin, um die Urheberposition zu stärker.

[Ein interessantes Interview mit Eckhard Höffner über sein Buch zu den positiven Effekten eines schwachen Copyrights auf den deutschen Buchmarkt des 18./19. Jahrhunderts findet sich hier]

Juni 4th, 2012

Seligers 5

Konzertveranstalter Berthold Seliger (u.a. Calexico, Lou Reed, Tortoise, Lambchop) schlägt ein von sozialstaatlichem und linksliberalem Denken geprägtes Fünf-Punkte-Programm zur Reform des Urheberrechts vor.

1. Seliger plädiert ähnlich wie die Piraten-Partei für erhebliche Verkürzungen der Schutzfristen für urheberrechtlich geschützte Werke – ein Vorschlag, der für die Contentwirtschaft ein rotes Tuch ist, hat sie doch dank jahrzehntelanger Lobbyarbeit die Verlängerung von Schutzfristen in der EU auf 70 Jahre nach dem Tod des Urhebers verlängern können und die weltweite Angleichung an westliche Standards weitgehend durchgesetzt – zur Freude von Urheber-Erben und der Verwalter der Backkataloge, aber mit wenig Nutzen für lebende Urheber.

2. Sampling soll nach dem US-amerikanischen fair-use-Prinzip liberalisiert werden. Das würde künftig beispielsweise verhindern, dass ganze Werkauflagen vernichtet werden müssen, weil ein unzulässiges 2-Sekunden-Sample verwendet wurde.

3. Urheber sollen künftig ihre Werke bei einer “zentralen Instanz” anmelden, wenn sie die Absicht haben, diese kommerziell zu verwerten. Nicht angemeldete Werke werden automatisch öffentliches Eigentum. Freilich steht es Urhebern in Deutschland real völlig frei, ihre Werke der Public Domain zugehen zu lassen – solange sie nicht bei der GEMA sind, während die GEMA umgekehrt genau die von Seliger vorgeschlagene “zentrale Instanz” verkörpert. Tatsächlich hakt es woanders: GEMA-Mitglieder, immerhin rund 65.000 Musikurheber, dürfen sich nach Vertragsabschluss mit der Verwertungsgesellschaft nicht mehr frei entscheiden, eigene Werke der Öffentlichkeit zur Verwendung oder Bearbeitung zur Verfügung zu stellen und liberalere Lizenz-Verträge wie Creative Commons mit Werknutzern abzuschließen. Mit einem Vertragsabschluss mit der GEMA geben Urheber ihre Vertragsfreiheit an den Rechteverwerter ab und legen sich auf das rigorose Lizenzmodell der GEMA fest. Selbst bei GEMA-Austritt verbleiben die vor dem Austritt entstandenen Stücke bis 70 Jahre nach dem Tod des Urhebers im GEMA-Repertoire und können nicht nachträglich in frei verfügbare Werke verwandelt werden – die GEMA beruft sich zur Begründung auf mit ausländischen Verwertungsgesellschaften eingegangene Vereinbarungen. Sogar für die Nutzung eigener Werke zahlen Urheber GEMA-Gebühren. Eine GEMA-Reform ist also unausweichlich.

Entscheidend ist eine gesetzliche Einschränkung der Rechte, die an die GEMA übertragen werden, zugunsten der Vertragsfreiheit von Urhebern sowie die Gleichstellung der einfachen GEMA-Mitglieder ohne Wahlrechte (rund 61.000) mit den privilegierten Vollmitgliedern (rund 3.500) in den Statuten der GEMA – das hätte vermutlich auch eine grundlegende Reform des von Vetternwirtschaft geprägten GEMA-Verteilungsreglements zur Folge. Die GEMA vertritt derzeit ein gewissermaßen “altgriechisches” Partizipationsmodell (wahlberechtigte Bürger vs rechtlose Sklaven). Kein Wunder, wenn man weiß, dass die GEMA-Vereinsstatuten aus der Hitler-Zeit stammen.

4. Zur Stärkung der Urheber schlägt Seliger die Begrenzung der Laufzeit von Lizenzverträgen zwischen Künstlern und Labels/Verlagen auf zwei Jahre vor (bei den Piraten sind es immerhin 25 Jahre). Branchenübliche Laufzeiten liegen bei derzeit 6 bis 10 Jahren und sind mit exklusiven Optionen für künftige Produktionen verbunden. Das dient – so die Verwerter – der Refinanzierung der in den Urheber geleisteten Investitionen und ist Teil des heute von der Industrie propagierten “360 Grad”-Modells: Labels dringen darauf, von Urhebern alle Rechte (Label, Verlag, Merchandising, Live, physisch/digital) für möglichst lange Zeit und möglichst exklusiv übertragen zu erhalten, um an allen Stellen der Verwertungskette mit zu verdienen. Wird der Urheber angemessen an Erlösen beteiligt und vom Label gut betreut, spricht einerseits nichts dagegen, solche Rechte weiter zu geben. Es widerspräche ohnehin der Vertragsfreiheit, Verträge per Gesetz zeitlich zu beschränken. Andererseits verlieren Urheber dabei vollständig die Verfügungsgewalt über ihre Werke. Das führt in einigen Fällen zu unschönen Auswüchsen: Wird beispielsweise eine vereinbarte Option vom Label nicht gezogen, verschwindet die Produktion zuweilen im Giftschrank, und der Urheber bleibt bis zum Ende der Vertragslaufzeit handlungsunfähig: Er darf auch anderswo nicht veröffentlichen. Gut, wenn hier der Gesetzgeber endlich zugunsten der Künstler eingreift.

5. Seliger fordert die Abkehr von der “phantasielosen” Quote bei der Künstlervergütung: Die Häufigkeit, mit der ein Werk genutzt wird, darf nicht das Hauptkriterium für die Vergütung sein – stattdessen soll “Neuheit” belohnt werden (möglicherweise durch eine Art “Neuheits-Bewertungs-Behörde”?!?). Er greift damit indirekt die Debatte um “Verantwortung” in der Musikbranche auf, die auch Branchenlautsprecher wie Tim Renner bereits seit Jahren als moralischen Maßstab in der Labelarbeit und als Gegeninstanz zum betriebswirtschaftlichen Kleinklein einfordern. Die ökonomische Hintergrundkulisse ist der bei großen Labels bestehende Interessengegensatz zwischen Projektmanagern (A&Rs) und Controlling-Abteilungen: Wo vom Fantum beseelte A&Rs ihre ganze Hoffnung investieren, hauen BWL-Absolventen den Kreativ-Überfliegern chartbesessen auf die Finger. Betriebswirtschaftlich bedeutet “Verantwortung” freilich lediglich eine mittelfristig angelegte Querfinanzierung von weniger erfolgreichen Künstler durch erfolgreichere (in Seligers Diktion: neue durch alte), eine Art “Euro-Bonds” bzw. Quotenregelung für die Contentbranche. Kann gut sein, muss aber nicht – zumal ein gesetzlicher Rahmen für Neuheits-Förderung schwer vorstellbar ist.

Mai 27th, 2012

Die Piraten sind Chinesen

Die Piraten sind nicht die einzigen Piraten. Die anderen sind die Chinesen. China ist zwar bezogen auf Im- und Exporte der größte Handelspartner Deutschlands. Aber: „Alles wird in China gefälscht, und die Situation ist schlimmer, als man sie sich in Deutschland meist vorstellt“ klagte in der Vergangenheit nicht nur die Süddeutsche Zeitung – betroffen ist nach eigenen Angaben die Kulturindustrie genauso wie Schwerindustrie oder Sportartikelhersteller. Es geht dabei um Milliardensummen. Die Rechnung geht dann ungefähr so: Einem China-Plagiat für 5 Euro entspricht ein wirtschaftlicher Schaden von 95 Euro, da es im deutschen Original 100 Euro kostet, nachdem man es für 3 Euro im fordistischen China hat herstellen lassen. So als ob der teure Original-Scheiß überhaupt überall verfügbar, geschweige denn gekauft worden wäre. Diese von windigen PRlern bereits in den Siebzigern im Rahmen US-amerikanischer Copyrightkampagnen ausgetüftelte, genial einfache Rechenformel manifestiert sich in den scharfen Bestimmungen des umstrittenen, übrigens von China ratifizierten ACTA-Abkommens („Copyright-Scharia“), das Piraten an den Kragen will. Da ist es wieder: Das Kontrollphantasma. Und das Geld, über das man die Kontrolle will. Und natürlich, wie so oft, wenn es um Geld und Kontrolle geht, steht im Mittelpunkt: Die Moral.

Mai 22nd, 2012

An das Publikum!

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Mai 12th, 2012

Urheber schließen die Klotür

Verbrecher und Diebe: Das sind etwa eine Milliarde Internetuser, die Inhalte illegal runtergeladen haben – etwa jeder zweite. Darum sorgt sich Romanautorin Thea Dorn und nicht nur – wie bisher – wegen fehlender Klotüren auf Berliner Wohnungsparties. Und mit ihr hunderte weitere Urheber, darunter Sven “man pinkelt uns ins Gesicht” Regener (und das bei fehlender Klotür), Dr. “Harmonie durch Musik” Motte und Alice Schwarzer, die sich einst für den urheberrechtswidrigen Abdruck von Porno-Bildern in der Emma gerichtlich verantworten musste. Sogar Martin “Auschwitzkeule” Walser ist dabei. Eine illustre Gesellschaft hat die militante Pro-Copyright-Erklärung “Wir sind die Urheber” unterzeichnet.

Die Argumentation hat Ansgar Heveling (CDU) Anfang des Jahres vorgemacht: Aus geistigem Eigentum als einer zentralen Errungenschaft der bürgerlichen Gesellschaft wird eine binäre Logik hergeleitet, die zwischen Dieben und Käufern unterscheidet – und nichts dazwischen, keine Ausnahmen, keine public Domain, keine Bibliotheken, keine Anerkennung möglicher positiver Effekte kostenloser Contentangebote (e.g. Werbeeffekte), kein Wort von alternativen Finanzierungsmethoden für Content: Fördergelder, staatliche Alimentierung (wie im öffentlich-rechtlichen), Spenden, Mäzene, Crowdsourcing, denn: “Die neuen Realitäten der Digitalisierung und des Internets sind kein Grund, den profanen Diebstahl geistigen Eigentums zu rechtfertigen oder gar seine Legalisierung zu fordern”.

Hierbei suchen die Urheber den Schulterschluss mit der Verwertungsbranche: “Der in diesem Zusammenhang behauptete Interessengegensatz zwischen Urhebern und „Verwertern“ entwirft ein abwegiges Bild unserer Arbeitsrealität. In einer arbeitsteiligen Gesellschaft geben Künstler die Vermarktung ihrer Werke in die Hände von Verlagen, Galerien, Produzenten oder Verwertungsgesellschaften, wenn diese ihre Interessen bestmöglich vertreten und verteidigen”. Bestmöglich. Besser geht also gar nicht. Warum dann die Beschwerden?

Das Nachrichtenmagazin Der Spiegel kritisiert die militanten Auslassungen der Copyrightler als hysterisch und weist darauf hin, dass nicht nur die Abschaffung des Urheberrechts in keiner Weise bevorsteht, sondern “der vehement und auf zahlreichen Wegen immer wieder vorgetragene Wunsch der Branchenverbände, Bürgerrechte einzuschränken, um die Verfolgung von Urheberrechtsverletzungen zu erleichtern” den Ausgangspunkt der Debatte bilden. “Viele, die etwa gegen den Copyright-Pakt Acta auf die Straße gingen, taten das nicht, weil sie unbegrenzten Zugang zu kostenlosen Musik- und Filmdateien wollen, sondern weil sie verschärfte Internetüberwachung für gefährlich halten”.

Tatsächlich ist das derzeitige Urheberrecht als Ergebnis erfolgreicher Lobbyarbeit der Rechteindustrie das schärfste aller Zeiten – 70 Jahre nach dem Tod des Urhebers bleibt ein Buch, ein Song, ein Video, eine Software oder ein Foto in Europa geschützt, weltweit mindestens 50 Jahre. Das sorgt für fröhliche Erben. Mit Pornos nachdrucken muss Frau Schwarzer also noch warten.  Vielleicht tut sich inzwischen was in Sachen Klotüren.

[Auf dem Klo entstehen, so erklärte Sido - seit kurzem ebenfalls Pro-Copyright-Aktivist - der Spex im Interview, seine besten Songs. Fatal, wenn da jemand mitschneidet und das Ganze ins Netz stellt. So entstehen Millionenschäden.]

Mai 5th, 2012

Contentindustrie: Es geht voran.

Urheber und Rechteverwerter klagen über Diebstahl, Piraten und multinationale Profiteure wie Google. Dabei geht es der Contentindustrie gar nicht so schlecht, und das Urheberrecht herrscht ungebrochen. Ein paar Fakten.

Fakt 1: Umsatzeinbußen hatte die GEMA als Chefvertretung von Musikurheberinteressen nicht zu beklagen: Die Einnahmen sind kontinuierlich auf inzwischen 863 Millionen Euro (2010) gestiegen.

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Theoretisch wären demnach rund 12.000 Euro je GEMA-Mitglied jährlich auszuschütten. Warum einige GEMA-Mitglieder trotzdem draufzahlen und andere Millionen verdienen, ist Gegenstand eines weiteren Beitrags.

Fakt 2: Richtig ist: Die Einnahmen der Musikindustrie sind seit der Jahrtausendwende dramatisch eingebrochen – daran ist bei allen berechtigten Zweifeln an tendenziöser Lobbystatistik kaum zu rütteln. Aber: Seit 2010 haben sich die Märkte durch das Entstehen digitaler Geschäftsmodelle wieder stabilisiert, wie kürzlich sogar Copyright-Fundamentalist Edgar Berger, CEO SONY International, im Interview mit der Welt erklärte. In Märkten wie den USA und Brasilien, den momentanen Vorreitern bei der Digitalisierung, steigen sie bereits wieder. Hier das Beispiel Vivendi/Universal:

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Fakt 3: Das digitale Gewerbe, das zu einem erheblichen Teil Handel mit geistigen Eigentumsrechten ist, boomt – ebenfalls völlig ungebrochen durch Filesharing und andere Ilegalangebote.

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Davon profitieren übrigens insbesondere die großen Contentanbieter, wie von Koltai am Beispiel von Vivendi gezeigt (Tabelle unten) – die Umsatzeinbußen im Musikbereich werden von ihm mit Umsatzsteigerungen im Games-Bereich aggregiert, und, wer hätte es gedacht: Content ist King. Auch bei den Umsätzen.

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Quelle: http://kovtr.com/wordpress/?p=339

Fakt 4: Kostenlosangebote (free Songs etc.) werden heute betriebswirtschaftlich als PR verbucht – kassiert wird anderswo. Eine mögliche Schlussfolgerung liegt nah: Selbst illegale Downloads sind als Werbung für Inhalte Träger der Kapitalisierung von geistigen Eigentumsrechten und das nicht obwohl, sondern WEIL die überwiegende Mehrheit der Internetuser illegale Angebote nutzt. Für die neoklassische Betriebswirtschaftslehre, die derzeit die Konzernetagen programmiert, resultiert daraus freilich ein schwer zu verwindendes Paradoxon: Der Wert eines Angebots steigt mit dem Grad seiner Verbreitung und nicht, wie die Neoklassik glaubt, durch Verknappung.

Fakt 5: Die alle Jubeljahre von der Contentindustrie vorgerechneten Umsatzeinbußen durch illegale Rechtenutzungen sind ein Ammenmärchen, beruhen sie doch auf der Annahme, dass jeder illegal verbreitete Inhalt auch tatsächlich gekauft worden wäre. So errechnen sich Umsatzverluste, die jeder seriösen betriebswirtschaftlichen Stochastik widersprechen und PR-Effekte illegaler Nutzungen vollständig ignorieren.

Fakt 6: Internetgiganten wie Google oder Facebook sind Rechteverwerter und unterscheiden sich ihrer Funktionslogik nach nicht von der GEMA oder Musikmajors. Sie höhlen geistige Eigentumsrechte also nicht aus, sondern beruhen auf ihnen – unzählige von Google wegen Copyright-Verletzungen versandte Abmahnungen sind Beleg genug.

Kurz: Es geht heute nicht darum, das Urheberrecht oder die vorhandenen Kontrollmöglichkeiten zu verschärfen – im Gegenteil, sondern darum, die Verteilungsfrage neu zu stellen und die Kohle dahin zu lenken, wo sie für produktive Arbeit gebraucht wird. Allein die Tatsache, dass den Umsatzsteigerungen der Contentgiganten parallele Einsparungen bei den Lohnstückkosten korrespondieren, weist darauf, dass das große Geschrei über Piraterie und Piraten an die falsche Adresse gerichtet ist. Wer künftig als Urheber mehr Geld verdienen will, wendet sich in Zukunft bitte an die GEMA, Google, Universal und seine zuständige Regierung. Es ist an der Zeit.

PS: Sorry wegen der Charts.

April 23rd, 2012

Anwälte feiern Erfolge

Der „Verein gegen den Abmahnwahn“ errechnete für 2010 ein Gesamtvolumen von 575.000 Abmahnungen in Deutschland und über 412 Millionen Euro Forderungsumfang allein unter Berücksichtigung der von 25 erfassten Kanzleien öffentlich gemachten Zahlen. Die jährliche Steigerungsrate betrug nach den Boomjahren mit dreistelligen Ziffern zuletzt 30 Prozent. Ein Bombengeschäft.

April 15th, 2012

Bei ARD und ZDF in der ersten Reihe: Dieter Gorny

Große Sause für Popkomm-Gründer und Ex-VIVA-Chef Dieter Gorny: Gemeinsam mit Vertretern von ARD, ZDF, dem Bundesverband Musikindustrie, der GEMA und anderen Rechtelobbyisten stellt er Anfang April 2012 die „Deutsche Content-Allianz“ der Öffentlichkeit vor. Diese Allianz (anachronistische Selbstbezeichnung: „die Medien“) warnt vor einer „Generation ohne jedes Unrechtsbewusstsein für digitalen Diebstahl”. Der „Wert medialer Inhalte“, für den die DCA eintritt, soll dabei insbesondere mit hartem Vorgehen gegen Netzsünder gewürdigt werden. Für das umstrittene Urheberrechtsabkommen ACTA tritt man ohne jegliche Vorbehalte ein.

Gorny und die GEMA einmal beiseite: Es überrascht, dass von Steuerzahlern finanzierte Medien, also Paradebeispiele für Finanzierungsmethoden jenseits des Geschäftsmodells der Musikindustrie (nämlich ein Art “Kulturflatrate”), sich für Lobbyinteressen instrumentalisieren lassen und öffentlich-rechtliche Kanäle für ein politisches Projekt missbrauchen. Dürfen die das?

März 22nd, 2012

Ach, Sven

Am 21.03.2012 hat Sven Regener in einem Interview auf Zündfunk gesprochen und den Rocknroll gegen seine Gegner in Schutz genommen: Google, Piraten und Illegal-Downloader: “Man pinkelt uns ins Gesicht”. Zwei Punkte pro Regener. Richtig ist: “Ein Geschäftsmodell, das darauf beruht, dass diejenigen, die den Inhalt liefern, nichts bekommen, das ist scheiße.” Auch richtig: “YouTube gehört Google. Das ist ein milliardenschwerer Konzern” – und Urheber daher gegenüber Google in einer schwachen Position.

Damit enden die Wahrheiten in Regeners Brandrede. Alles andere ist gefährlicher Unfug.

1. Das beginnt mit der Verwechselung von Google mit Illegal-Downloadern, gar mit der Piraten-Partei – ein Horn, in das bereits Ansgar Heveling (CDU) im Februar stieß, als es hieß, Piraten seien Schmarotzer im Bündnis mit Content-Giganten. Tatsächlich beruht Google wie jedes andere große Unternehmen der Digitalbranche auf einem rigorosen Copyright-Modell, wie unzählige anwaltliche Abmahnungen von Usern (etwa wegen der Verwendung einer Google-Map auf einer kleingewerblichen Homepage) unterstreichen. Die inzwischen mit Youtube-Clicks erzielten Millionengewinne der Musikindustrie einmal beiseite.

2. Das geht weiter mit der Behauptung, die digitale Revolution würde das Musikangebot auf “Volksmusik, deutsche Schlager und Rockmusik für die Älteren” reduzieren. Das ist wohl mehr ins Blaue. Vielmehr hat die Individualisierung von Produktionsmitteln dazu geführt, dass das Content-Angebot explodiert ist. Indiz GEMA: Die Zahl der Mitglieder hat sich in den letzten zehn Jahren verdoppelt – übrigens ohne dass sich die (theoretisch) pro Mitglied verteilbaren Gelder wesentlich reduziert hätten. Kann dem armen Mann nicht endlich jemand eine Standleitung spendieren? Übrigens steigen Musikereinkommen, wer hätte es gedacht, nach Angaben der Künstlersozialkasse Jahr für Jahr an.

[Zu dem Thema gibt es eine interessante historische Studie von Eckhard Höffner, die zeigt, wie der rigorose Copyright-Modell im England des 18ten und 19ten Jahrhunderts zu einer geringeren Zahl wesentlich teurerer Veröffentlichungen gegenüber dem liberaleren Deutschland (mit legalen Nachdruckmöglichkeiten) führte und Deutschland erst so zum Dichter- und Denkervolk mutieren ließ. Aus Urheberperspektive ist dabei besonders interessant, dass in England so eine niedrigere Nachfrage nach Autoren entstand und die Urheberhonorare drückte. Sprich: Urheber waren in Deutschland trotz fehlenden Copyrights durchschnittlich besser gestellt als in England].

3. Die Verwechselung des Rocknroll mit einem Geschäftsmodell, das auf geistigem Eigentum beruht, ist der krasseste Versprecher. So weit ist es also gekommen mit dem Rocknroll, zumindest mit dem, den Regener meint. Wie schade. Stand Rock doch einmal für eine Veränderung der Art, wie wir wirtschaften und leben und nicht für das kleinkapitalistische Gewerbe, für das Regener den Rock vereinnahmt.

Das ist scheiße.

Februar 22nd, 2012

Internet als Segen: SONY-CEO mischt Copyright-Debatte auf

Edgar Berger ist der Chief Executive Officer von Sony Music International und für das globale Geschäft von Sony Music außerhalb der USA verantwortlich. Er galt bislang als Hardliner in Sachen Urheberrecht: 2006 sprach er sich für die weitere Einschränkung des Rechts auf Privatkopien aus. 2010 forderte er zum Schutz der Rechteinhaber, dass Internetserviceprovider die rechtswidrige Verbreitung von urheberrechtlich geschütztem Material beschränken sollten.

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Edgar Berger (rechts) mit Christina Aguilera (von Tim Dada CC 3.0 by-nc-nd)

Umso überraschender seine im Februar an der GEMA geäußerte Kritik. Berger hält in einem Interview mit der „Welt“ das Internet für einen „Segen“ für die Musikindustrie und verlangt die Aufhebung von YouTube-Sperren. Dass dies nicht möglich ist, liege nicht an Sony Music, sondern an der GEMA, „die Urheberrechte sehr restriktiv lizenziert. Uns gehen dadurch Millionenumsätze verloren“, erklärt Berger. Den, verglichen mit den USA, geringen Grad der Digitalisierung der deutschen Musikindustrie lastet er ebenfalls der GEMA an. Und: Das Internet habe der Musikindustrie „enorme neue Möglichkeiten gebracht“. „Wir haben im Netz inzwischen weltweit mehr als 500 Musikhändler wie iTunes oder Amazon (…) Außerdem schaffen soziale Netzwerke ganz neue Verbindungen zwischen Musikstars, Fans und Produzenten. Wir können auf diesem Weg viel zielgenauer werben“.

Kurz: Kostenlosware dient der PR und wird von Bezahlware querfinanziert. Für diesen betriebswirtschaftlichen Lernerfolg brauchte die Contentindustrie über zehn Jahre. Flankiert von neuen Geschäftsmodellen, setzt auch ganz oben allmähliche Entspannung ein. Dass die GEMA nach jahrelanger Blockadetaktik Ende 2011 immerhin Streaming-Bezahl-Plattformen einen Zugang zum deutschen Markt erlaubt (!) hat, deutet darauf hin, dass auch dort dämmert, dass man mit dem Internet besser Geld verdienen kann, wenn man sich der Realität nicht länger entgegen stellt. Berger: „Trotz des hohen Anteils von nichtbezahlter Musik ist es gelungen, die Musikbranche in ein digitales Geschäft zu transformieren, das weltweit bereits einen Umfang von mehr als fünf Milliarden Dollar hat“. In Deutschland stabilisieren sich die Umsätze der Musikbranche laut aktueller Zahlen des Bundesverbands Musikindustrie (BVMI) wieder, während die Begeisterung fürs Bezahlen in den USA und Brasilien zunimmt. Bald werde der Markt auch wieder weltweit wachsen, prophezeit Berger. Soweit die Wirtschaftsredaktion.

Februar 1st, 2012

Heveling außer sich

Ansgar Heveling (CDU) ist außer sich vor Wut. Die Grundfesten der bürgerlichen Gesellschaft „mit ihren Werten von Freiheit, Demokratie und Eigentum“ sind in großer Gefahr. Das befürchtet Heveling im Handelsblatt von 31.01.2012 anlässlich der Proteste gegen das Urheberrechts-Abkommen ACTA. Das Mitglied der Enquete-Kommission „Internet und digitale Gesellschaft“ des deutschen Bundestags hat den Gegner längst identifiziert: „Piraten“, „digitale Horden“, eine „unheilige Allianz“ von „digitalen Moaisten und kapitalstarken Monopolisten“, die die „Idee des geistigen Eigentums“ in Frage stellen, die sich „als Motor für Innovation und Entwicklung auf dem europäischen Kontinent“ erwiesen hat: Sie „achten das Eigentum des anderen nicht, setzen ihr Wissen nur für den eigenen Vorteil ein, sind darauf bedacht, zusammenzuraffen, was sie von anderen kriegen können“.

Hevelings Beispiel macht in den kommenden Monaten Schule: Die Piraten-Partei, die möglicherweise mehr ALG 2 Empfänger beherbergt als jede andere, wird unter das digitale Großkapital subsummiert, so als wären Google & co nicht längst selbst Copyright-Imperien, die mit tausenden von Abmahnungen unrechtmäßige Nutzungen ihrer Inhalte unterbinden und eine Armee von Anwälten in Lohn und Brot halten. Dennoch stößt eine Vielzahl militanter Pro-Copyright-Aktivisten in den darauf folgenden Monaten in genau dieses Horn.

Wäre Heveling statt Bundestagsabgeordneter ein Startrek-Darsteller, wäre er vermutlich ein Ferengi. Das erklärt die Perfidie, mit der Heveling dem politischen Gegner Gier und Raffke-Mentalität unterstellt, wenn es darum geht, das Eigentum (!) zu verteidigen.

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Neuerdings Christdemokraten? Die Ferengi.

Wäre 2012 bereits das 23. Jahrhundert, würden sich viele Fragen um das Urheberrecht nicht mehr stellen: Dank der Replikator-Technologie kennt die Gesellschaft der Zukunft kein Geld mehr, keinen Mangel. Dinge des täglichen Bedarfs lassen sich ebenso umstandslos abrufen und reproduzieren wie Kultur und Wissen. Doch Heveling gibt sich siegesgewiss: „Netzgemeinde, ihr werdet den Kampf verlieren“.

Im Internet führten Hevelings Auslassungen zum Shitstorm. Hacker legten – in den Methoden nicht eben zimperlich – umstandslos seine Internetseite lahm. Auch Ausschusskollegen äußerten sich befremdet. Der Grüne Konstantin von Notz sagt der SZ, Heveling habe sich „völlig wahnsinnig die Kriegsrhetorik der Verwerter-Lobby zu eigen gemacht“. Doch damit beginnt der Wahnsinn erst.

Dazu einige Zitate aus dem neuen Parteiprogramm der CDU:

Erwerbsregeln der Ferengi
001 Geld und Gold das mag ich sehr, und hab ich es erst von andern geb ich es nicht mehr her.
003 Gib niemals mehr für einen Erwerb aus, als es unbedingt sein muss.
006 Gestatte niemals, dass Verwandte einer günstigen Gelegenheit im Wege stehen.
Erlaube nie, dass deine Verwandten einem Profit im Wege stehen.
007 Halte Deine Ohren offen.
009 Gelegenheit plus Instinkt gleich Profit.
010 Gier währt ewig.
016 Ein Geschäft ist ein Geschäft … bis ein besseres daherkommt.
017 Ein Vertrag ist ein Vertrag ist ein Vertrag … aber nur unter Ferengi.
018 Ein Ferengi ohne Profit, ist kein Ferengi.
021 Niemals Freundschaft über Profit stellen.
022 Ein weiser Mann hört den Profit aus dem Wind.
023 Nichts ist wichtiger als deine Gesundheit – außer dein Vermögen.
031 Mach niemals Witze über eine Ferengimutter.
033 Es ist nie verkehrt, sich bei seinem Boss einzuschmeicheln.
034 Krieg ist gut für das Geschäft.
035 Frieden ist gut für das Geschäft.
045 Wer nicht expandiert ist tot.
047 Vertraue keinem, der einen besseren Anzug trägt als Du. Entweder hat er dann kein Geld, oder man hat es mit einem Hochstapler zu tun.
048 Je breiter jemand lacht, desto schärfer ist sein Messer.
057 Gute Konsumenten sind fast so rar wie Latinum. Ehre sie.
059 Frage immer erst nach dem Kostenpunkt.
062 Je riskanter der Weg, desto größer der Profit.
074 Wissen ist gleich Profit.
075 Die Heimat ist, wo das Herz ist, aber die Sterne bestehen aus Latinum.
076 Du musst für eine Weile sagen, ich brauche Frieden. Deine Feinde sind dadurch völlig verwirrt.
094 Frauen und Finanzen passen nicht zusammen.
095 Expandiere oder verrecke.
098 Jeder Mann hat seinen Preis.
102 Die Natur ist vergänglich, aber Latinum wird immer bestehen.
103 Schlaf kann verhindern, dass Profit gemacht wird.
109 Stolz und Armut ist Armut.
111 Sieh in Gläubigern einen Teil der Familie und beute sie aus.
Behandle die, die in Deiner Schuld stehen, wie Deine Familie – beute sie aus.
112 Schlafe niemals mit der Schwester deines Chefs.
125 Wenn Du tot bist, dann machst Du keine Geschäfte.
139 Frauen arbeiten, Brüder sind Erben.
168 Flüstere Dich zum Erfolg.
190 Höre alles, glaube nichts.
194 Gute Geschäfte macht man nur, wenn man über seine Kundschaft vorher bescheid weiß.
203 Neue Kunden sind wie Gree-Würmer mit rasiermesserscharfen Zähnen. Sie können sehr saftig sein, aber manchmal beißen sie auch zurück.
208 Manchmal ist das einzige, was gefährlicher als eine Frage ist, eine Antwort.
211 Angestellte sind die Sprossen auf der Leiter zum Erfolg – zögere nicht auf sie zu treten.
214 Bevor Du nichts gegessen hast, führe keine geschäftlichen Verhandlungen.
217 Hole keinen Fisch aus seinem Wasser.
Man kann einen Fisch nicht aus dem Wasser befreien.
229 Latinum hält länger als Wollust.
239 Habe keine Angst davor, ein Produkt falsch zu etikettieren.
263 Lass niemals Zweifel Deine Lust nach Latinum trüben.
285 Einer guten Tat folgt die Strafe auf dem Fuße.
Januar 20th, 2012

A short history of ACTA

Das ACTA-Abkommen konkretisiert und verschärft die Regelungen des 1995 im Rahmen des Freihandelsregimes der World Trade Organisation (WTO) in Kraft getretenen Patent- und Urheberrechts-Abkommens TRIPS, das insbesondere wegen der weltweiten Ausdehnung von Urheberrechten auf öffentliche Ressourcen wie Saatgut und lebenswichtige medizinische Versorgungsgüter wie AIDS-Medikamente Negativschlagzeilen machte. ACTA enthält detaillierte Bestimmungen zur Kontrolle und Bestrafung von Piraten. Ausgehandelt wurde das Abkommen geheim und jenseits der zuständigen UN-Gremien WTO und WIPO unter Federführung von USA und EU. In der EU wurde ACTA am Rande einer Sitzung des Agrarausschusses abgenickt. Es sollte wohl keine so große Sache werden. ACTA beinhaltet u.a. Geld- und Haftstrafen für Marken- und Urheberrechtsverletzungen „im gewerblichen Ausmaß“. Ausschlaggebend ist dabei nach Einschätzung von Juristen das „Ausmaß“, und nicht etwa erzielte Einnahmen. Dazu gehört auch die Strafbarkeit für „unterstützende Handlungen“ wie die technische Ermöglichung von Filesharing. Die dazu notwendigen User-Kontrollsysteme will ACTA fördern.

Auch bei der Bemessung von Geldstrafen setzt sich bei ACTA die Logik der Rechteverwerter durch: Den Ausgangspunkt bildet neben eventuellen Einnahmen des Rechteverletzers die entgangenen Profite des Rechteinhabers (der „Marktwert” der illegal kopierten Ware) – ohne dass ein Gegenbeweis erbracht werden muss, dass die Ware auch tatsächlich zum Marktpreis gekauft worden wäre. Den detaillierten Garantien für Rechteinhaber korrespondiert das Fehlen von möglichen Rechtsansprüchen der Gegenseite oder der public Domain, wie zum Beispiel ein Recht auf (anonymen) Upload (wie ihn das Recht auf freie Meinungsäußerung impliziert, vgl. Whistleblowing). Ebenso fehlt es an Regelungen zum Schutz der Privatsphäre von Usern.

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