Verbrecher und Diebe: Das sind etwa eine Milliarde Internetuser, die Inhalte illegal runtergeladen haben - etwa jeder zweite. Darum sorgt sich Romanautorin Thea Dorn und nicht nur - wie bisher - wegen fehlender Klotüren auf Berliner Wohnungsparties. Und mit ihr hunderte weitere Urheber, darunter Sven “man pinkelt uns ins Gesicht” Regener (und das bei fehlender Klotür), Dr. “Harmonie durch Musik” Motte und Alice Schwarzer, die sich einst für den urheberrechtswidrigen Abdruck von Porno-Bildern in der Emma gerichtlich verantworten musste. Sogar Martin “Auschwitzkeule” Walser ist dabei. Eine illustre Gesellschaft hat die militante Pro-Copyright-Erklärung “Wir sind die Urheber” unterzeichnet.
Die Argumentation hat Ansgar Heveling (CDU) Anfang des Jahres vorgemacht: Aus geistigem Eigentum als einer zentralen Errungenschaft der bürgerlichen Gesellschaft wird eine binäre Logik hergeleitet, die zwischen Dieben und Käufern unterscheidet - und nichts dazwischen, keine Ausnahmen, keine public Domain, keine Bibliotheken, keine Anerkennung möglicher positiver Effekte kostenloser Contentangebote (e.g. Werbeeffekte), kein Wort von alternativen Finanzierungsmethoden für Content: Fördergelder, staatliche Alimentierung (wie im öffentlich-rechtlichen), Spenden, Mäzene, Crowdsourcing, denn: “Die neuen Realitäten der Digitalisierung und des Internets sind kein Grund, den profanen Diebstahl geistigen Eigentums zu rechtfertigen oder gar seine Legalisierung zu fordern”.
Hierbei suchen die Urheber den Schulterschluss mit der Verwertungsbranche: “Der in diesem Zusammenhang behauptete Interessengegensatz zwischen Urhebern und „Verwertern“ entwirft ein abwegiges Bild unserer Arbeitsrealität. In einer arbeitsteiligen Gesellschaft geben Künstler die Vermarktung ihrer Werke in die Hände von Verlagen, Galerien, Produzenten oder Verwertungsgesellschaften, wenn diese ihre Interessen bestmöglich vertreten und verteidigen”. Bestmöglich. Besser geht also gar nicht. Warum dann die Beschwerden?
Das Nachrichtenmagazin Der Spiegel kritisiert die militanten Auslassungen der Copyrightler als hysterisch und weist darauf hin, dass nicht nur die Abschaffung des Urheberrechts in keiner Weise bevorsteht, sondern “der vehement und auf zahlreichen Wegen immer wieder vorgetragene Wunsch der Branchenverbände, Bürgerrechte einzuschränken, um die Verfolgung von Urheberrechtsverletzungen zu erleichtern” den Ausgangspunkt der Debatte bilden. “Viele, die etwa gegen den Copyright-Pakt Acta auf die Straße gingen, taten das nicht, weil sie unbegrenzten Zugang zu kostenlosen Musik- und Filmdateien wollen, sondern weil sie verschärfte Internetüberwachung für gefährlich halten”.
Tatsächlich ist das derzeitige Urheberrecht als Ergebnis erfolgreicher Lobbyarbeit der Rechteindustrie das schärfste aller Zeiten - 70 Jahre nach dem Tod des Urhebers bleibt ein Buch, ein Song, ein Video, eine Software oder ein Foto in Europa geschützt, weltweit mindestens 50 Jahre. Das sorgt für fröhliche Erben. Mit Pornos nachdrucken muss Frau Schwarzer also noch warten. Vielleicht tut sich inzwischen was in Sachen Klotüren.
[Auf dem Klo entstehen, so erklärte Sido - seit kurzem ebenfalls Pro-Copyright-Aktivist - der Spex im Interview, seine besten Songs. Fatal, wenn da jemand mitschneidet und das Ganze ins Netz stellt. So entstehen Millionenschäden.]