von Robert Defcon
August 23rd, 2012

Prick Explosion

Journalisten reden dank russischer Dissidenz derzeit öfter von Pussy als Pornorapper. Hätte wikileaks-Informant Manning als regierungskritischer Gangster-Rapper eine ähnliche Aussicht auf mediale Berichterstattung und internationale Unterstützung wie Pussy Riot? Madonna, Peaches, die Antwoord und viele andere Popikonen erweisen sich als nützliche Idioten westlicher Geopolitik. Doch Pussy Riot machen alles richtig.

Während BILD-Kolumnist Franz-Josef Wagner gelobt, die „tapferen, mutigen, tollen Frauen“ nicht zu vergessen, Alice Schwarzer den „übermütigen jungen Frauen“ in der Emma Beifall zollt und westliche Regierungen unisono das „unverhältnismäßig harte Urteil“ (Angela Merkel) verurteilen, erklären sich Pop-Acts von Madonna über Peaches bis hin zu der Antwoord – ebenfalls unisono - solidarisch mit den drei inhaftierten Frauen der russischen Punkband „Pussy-Riot“. In den digitalen Netzwerken: eine Welle der Sympathie. Seriöse Nachrichtensprecher, Journalisten und Moderatoren führen „Pussy“ öfter im Mund als selbst notorischste Pornorapper. Unterstützer ketten sich an. Eine nackte Russin sägt mit ekstatischem Blick ein von ihr aufgerichtetes Kreuz ab. Mit einer Motorsäge.

„Scheiße, Scheiße, Scheiße des Herrn“ haben die Frauen in der russischen Christ-Erlöser-Kirche gegrölt. Geil. Sie haben Putin und den Patriarchen herausgefordert. Zwei Jahre Arbeitslager. [In der Bundesrepublik gäbe es für ähnliche Vergehen eine Geldstrafe oder bis zu drei Jahren Haft]. Unterdes werden „Pussy Riot“ mit ihren Provokationen und Analysen der russischen Gegenwart zum Symbol für die in Russland entstehende Putin-Diktatur und die prekäre Lage der Meinungsfreiheit im anarchischen Riesenreich. Auch von Folter und Misshandlung der Frauen ist die Rede. Selten waren sich westliche Popkultur und öffentliche Meinung mit ihren Regierungen in einem Urteil so einig. Vielleicht wird so die rechtzeitig zum Prozessende veröffentlichte Single auf diese Weise ein Bombenerfolg. Pussy Riot haben also, in gewisser Weise, alles richtig gemacht.

Das kann man vom Gründer des Enthüllungsportals wikileaks, Julian Assange, nicht behaupten. Trotz gewisser Überschneidungen in der öffentlich verhandelten Materie (Meinungsfreiheit) und seinem Selbstvergleich mit „Pussy Riot” kann Assange mit so uneingeschränkter Akklamation kaum rechnen, wenngleich auch er viele Sympathisanten auf seiner Seite hat. Für Distanz zu Assange gibt es natürlich Gründe, allen voran die gegen ihn von der schwedischen Staatsanwaltschaft erhobenen Vergewaltigungsvorwürfe. Die Doppeldeutigkeit des Falls Assange (Meinungsfreiheit – vs – Vergewaltigung) erklärt auch die derzeitige Sommerlochposse linker Publizisten in Deutschland. So fordert die taz, Assange möge sich den Behörden stellen und erklärt den Verdacht, er könne an die USA ausgeliefert werden, für absurd. In seiner Spiegel-Kolumne widerspricht Jakob Augstein und zweifelt an der Rechtsstaatlichkeit des Rechtsstaats – mit einer Auslieferung von Assange an die Vereinigten Staaten und Schlimmerem sei durchaus zu rechnen. Die Jungle World feuert zurück und wirft ihm „paranoiden Antiamerikanismus“ vor.

Das Random House Unabridged Dictionary definiert „Antiamerikanismus“ als „den Vereinigten Staaten von Amerika, ihrer Bevölkerung, ihren Prinzipien oder ihrer Politik entgegengestellt oder feindlich gesinnt.“ Da Augstein sich einerseits wesentlich umfassender skeptisch zu Politik und Justiz Schwedens, des Vereinigten Königreichs und der Vereinigten Staaten geäußert hat und dabei andererseits auf westliche Prinzipien wert legt, ist der in der Jungle World erhobene Vorwurf natürlich unsinnig. Und die rechtsstaatliche Rhetorik der taz: bewunderswert naiv. Geil wie Reagan seinerzeit an der Mauer.

Denn: Was immer man von der Stichhaltigkeit des gegen Assange geäußerten Vergewaltigungsverdachts halten mag und wie auch immer man sich zu der Behauptung, er würde mit seinen Enthüllungen Menschenleben aufs Spiel setzen, stellt, gibt es einen weiteren Grund für fehlende Sympathie für Assange: Die von wikileaks lancierten Enthüllungen der letzten Jahre erlauben tiefgreifende Einblicke in Vertuschungen und Verbrechen von staatlichen Institutionen und Unternehmen in aller Welt, nicht nur, aber insbesondere die unserer US-amerikanischen Brüder.

Die Äußerungen von Vertretern beider US-Parteien und der US-Regierung lassen wenig Interpretationsspielraum, was mit solchen „Hightech-Terroristen“ zu passieren hat: Man muss sie aus dem Verkehr ziehen. Endgültig. Assange kann man also vieles anlasten, aber gewiss keine Paranoia. Der mutmaßliche wikileaks-Informant Bradley Manning zumindest wartet seit zwei Jahren in den USA auf seinen Prozess: Im Knast. Der von der UN-Menschenrechtskommision eingesetzte Sonderberichterstatter über Folter, Juan Ernesto Méndez, hat in einem diesjährigen Bericht festgestellt, dass die Behandlung von Manning möglicherweise gegen die UN-Antifolterkonvention verstoßen hat und nennt diese „grausam, unmenschlich und erniedrigend“. Zwei Jahre? Misshandlungen? Da war doch was? Richtig: Pussy Riot. Von breiter Solidarisierung ist bei Manning hingegen kaum eine Spur. Hätte er als regierungskritischer Gangster-Rapper „Prick Explosion“ mehr Aussicht auf Unterstützung?

Zur Erklärung der unterschiedlichen Reaktionen auf Pussy Riot und Assange/Manning muss eine weitere Dimension der Auseinandersetzungen ins Spiel gebracht werden, auf die das Engagement von Ecuador für Julian Assange, jetzt Hightech-Politasylant, ein Schlaglicht wirft: Für die Geostrategie des Westens zahlen Entwicklungs- und Schwellenländer dank westlichem Militärinterventionismus und Globalisierung der Eliten seit Jahrhunderten einen hohen Preis. Wikileaks präsentiert die Rechnung. Die Drohung der Briten, die ecuadorianische Botschaft in London, in der Assange unter diplomatischem Schutz logiert, zu stürmen,  erzeugt wenig Vertrauen, dass derlei westliche Kolonialherrenmentalität der Vergangenheit angehört. Die Kritik von Pussy Riot an Putin ist vor allem vor dem Hintergrund von NATO-Raketenschild, Ressourcenkonflikten und dem Bürgerkrieg in Syrien für die westliche Geostrategie deutlich opportuner als die Veröffentlichung pikanter Geheimdepeschen und Videos von Kriegsverbrechen durch wikileaks. Das ist ein zentraler Grund, warum unsere Politik mit zweierlei Maß misst. So erweisen sich - bei aller berechtigten Sympathie für Pussy Riot - Madonna, Peaches, die Antwoord und viele andere als nützliche Idioten.

Doch wer weiß: Vielleicht werden blasphemische Pussy Riots im Vatikan, Istanbul oder Washington DC einst den Rahmen sprengen, in dem sie noch nützlich sind für die Pricks, die uns beherrschen.

Google-Ranking (Zahl der Suchergebnisse):

“Pussy Riot” ungefähr 94.600.000 Ergebnisse
“Julian Assange” ungefähr 20.400.000 Ergebnisse
“Guantanamo Bay” ungefähr 9.480.000 Ergebnisse
“Bradley Manning” ungefähr 5.430.000 Ergebnisse

Scheiße. Scheiße. Scheiße des Herrn.

1 Kommentar »

  1. bravo!

    Comment von dr. spot — 30. August 2012 @ 14:50

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